Ernst-August

“Peter, Peter, Peter.” Ernst-August gab mir seine feuchtwarme Hand, drückte schlaff zu und keuchte: “Schön, daß du mich mal hier oben besuchst.” Dabei hätte ich keuchen müssen, denn ich war gerade die Treppen zu seinem Reich unter dem Dach des Futtermittelwerkes, in dem wir beide beschäftigt waren, hochgelaufen.

“Schön, daß du mich mal hier oben besuchst.” Und ohne Übergang im gleichen Atemzug: “Uelzen, guck mal hier”, wobei er mit ausladender Geste auf Dutzende von Ansichtskarten wies, mit denen er Tür und Fenster seiner Dienstbutze inmitten des Betongraus bepflastert hatte, “Uelzen, Perle der Lüneburger Heide, aber du kommst zu spät”, mit Blickwendung zu den kreisrunden Löchern im Boden und dem an einem Seil befestigten Lot, mit dem er in regelmäßigen Abständen die Füllhöhe der Zellen genannten Silobehälter messen mußte, “alles erledigt, alles in Ordnung, keine Probleme.”

Ernst August, einziger Sohn des welfisch gesonnenen – “da legen sogar die Hühner gelbe Eier” – Schlossermeisters meines Heimatdorfes sah zwar aus wie die Erstausgabe von George Clooney, aber da er sich nichts aus Frauen machte und dies erfolgreich vor sich selbst und weniger erfolgreich vor seiner Umwelt zu verbergen suchte, konnte er nie in irgendeiner Weise Kapital daraus schlagen. Als Ernst-August 13 Jahre alt war, hat ihn sein Vater mit einer Eisenstange verprügelt und ihm dabei Kopfverletzungen beigebracht, die fortan sein geistiges Vermögen stark beeinträchtigten und ihn zu jenem Original werden ließen, dem ich hier in den “Schrägen Gestalten” an erster Stelle ein Denkmal setzen möchte.

Ernst-August und die Frauen. Als sein Vater starb, zog seine Schwester mit Mann und Kindern ins Elternhaus ein, man brauchte Platz, Ernst-August wurde das eigene Zimmer genommen, er mußte fortan bis zu seinem frühen Tod mit 60 Jahren im Ehebett neben seiner Mutter auf dem Platz seines Vaters schlafen.

Ernst-August und die Frauen: “Peter, wenn ich einmal heirate, dann muß das eine Frau sein, die Hühner rupfen kann”, vertraute er mit in der Frühstückspause an, “und die findest du heutzutage nicht mehr. Neulich war ich in Rehburg und keine von den beiden Töchtern konnte das Huhn rupfen, ich mußte das machen. Kein Wunder, daß die schon über 30 sind und immer noch keinen Mann haben.”

Ernst-August und die Frauen. Die Arbeitskollegen glaubten, man könne ihn heilen, wenn er nur einmal in seinem Leben mit einer Frau zusammen wäre. Deswegen legten sie zusammen und bugsierten ihn unter einem Vorwand in ein Bordell, wo sie ihn zu seinem geschlechtlichen Glück zwingen wollten. Der Versuch mußte abgebrochen werden, weil Ernst-August verstört vor dem Angriff auf seine Unschuld davonlief. Bezahlt werden mußte trotzdem. Von nun an verschaffte Kollege Horst ihm hin und wieder während der Arbeitszeit Erleichterung, indem er Ernst-August mit einem Handfeger zwischen den Beinen herumfuhrwerkte, bis es ihm kam. Vor diesen Attacken flüchtete Ernst-August seltsamerweise nie.

Mochte Ernst-August auch sonst ziemlich beschränkt sein, in punkto Heimatkunde konnte ihm niemand etwas vormachen. Das östliche Niedersachsen von der Weser bis an die Elbe kannte er wie seine Westentasche, besonders die Lüneburger Heide und Uelzen, weil seine Mutter daher stammte. Er hatte sich seine Kenntnisse in unzähligen Touren im buchstäblichen Sinn erfahren und war eine Art lebendes Lexikon für dieses Spezialgebiet.

Meine dörfliche Heimat mag eng sein, aber sie läßt niemanden, den sie als zugehörig zählt, verkommen. Als das Futtermittelwerk geschlossen wurde, hat man Ernst-August deshalb als Gemeindearbeiter eingestellt, obwohl man eigentlich keinen zusätzlichen brauchte. Ich habe auch bis heute nicht herausbekommen, ob die Messerei, die Ernst-August oben über den Silos veranstaltete, wirklich notwendig war. Als Gemeindearbeiter hat er jedenfalls alle Straßen, Wege, Wegränder und vor allem den Wald peinlich sauber gehalten, stets aufgeräumt, den Waldboden sogar gefegt, daß man von ihm essen konnte.

R.I.P.

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