Zwei Lokale

Unten war die Tilly-Klause: viel dunkles Holz, tief hängende Lampen, Zigarettenqualm, Remmer. Das tranken wir und sangen dazu unser Lied:

Remmerbier, Remmerbier trink ich gerne,
Remmerbier, Remmerbier hat keine Kerne,
Remmerbier, Remmerbier, das fließt munter
unsre Kehle rauf und runter.

Wir rauchten Gauloises, Roth-Händle oder Pfeife – natürlich nur mit Tabaken, die uns Moppel aus England mitbrachte – und gründeten eines Tages, als wir zufällig zu viert waren, den Remmer-Club. Abzeichen und intellektuelles Feigenblatt war das Pardon-Teufelchen, das mußte in jeder Lebenslage verdeckt getragen werden. Wer den Button einmal vergessen hatte oder ihn offen trug, zahlte als Strafe fünfzig Pfennig in die Clubkasse. Eine Erweiterung der Mitgliederzahl war nicht vorgesehen, wir wollten exklusiv bleiben, aber Andreas, bei der Gründung nur zufällig nicht dabei, drängte auf offizielle Aufnahme. “Zur Abschreckung”, so Moppel, “damit das nicht einreißt”, wurde eine Aufnahmeprüfung ausgeheckt.

Wir fuhren zum Heiratsmarkt nach Bruchhausen-Vilsen, der nächste Ort, an dem es Remmer gab, der arme Andreas mußte fünf halbe Liter von diesem Stoff trinken und anschließend Achterbahn fahren, ohne ihn wieder von sich zu geben. Er schaffte es, bekam den Button mit dem Pardon-Teufelchen überreicht und mußte anschließend “dringend” zum Toilettenwagen. Außer ihm hat es niemand mehr versucht.

 

Oben, eine schmale, gewundene Treppe führte hinauf, war der Scandia-Club, eine kleine Diskothek. Wenn wir hineingingen, tranken wir Chivas Regal und beobachteten, wie man auf der kleinen, viel zu engen Tanzfläche versuchte, sich nach “Green Tambourine”, “I Heard It Through The Grapevine” oder Max Romeos “Wet Dream”, das im Radio nicht gespielt werden durfte, noch nicht einmal der Titel angesagt, zu bewegen.

Meist aber, jedenfalls, wenn wir mit dem Remmer-Club unterwegs waren, blieben wir draußen, lehnten uns im Flur vor der Kasse lässig an die Wand und ließen uns dort Bommerlunder mit Pflaume servieren, den wir nach einem strengen Ritual tranken: Glas in die Linke, Holzstäbchen mit Pflaume mit der Rechten zum Mund führen, Pflaume mit dem Mund vom Stäbchen abstreifen, Stäbchen knicken, in der Hand behalten, Pflaume zerkauen, Bommerlunder darübergießen, geknicktes Stäbchen ins leere Glas, Gläser zurück, neue Runde. Wer dabei einen Fehler machte, mußte diese nächste Runde bezahlen.

Kein Sport für einen hektischen Grobmotoriker. Ich glaube, es war immer billiger für mich, hineinzugehen und den Eintritt zu bezahlen, aber dann wären mir auch die tiefschürfenden Gespräche untereinander und die Plaudereien mit den Hineingehenden und Herauskommenden entgangen.

This entry was posted in Erlebnisse, Orte. Bookmark the permalink.

7 Responses to Zwei Lokale

  1. Otto says:

    War oben nicht das Saskatchewan?

  2. Genau, außerdem sagte kein Mensch den vollen Namen der Disko, sondern einfach nur Saska. Ein übler Schuppen, grad das Richtige also, und außerdem geleitet von Aladin dem Ägypter, einen wunderbaren Menschen voller Geheimnisse, den das Schicksal, verschwenderisch wie es nun einmal ist, an eine kleine Stadt in Norddeutschland weggegeben hatte…

    • Erika says:

      hallo frank,
      aladin hat die beiden läden aber erst später betrieben.
      oben die discothek “flair” und unten ein restaurant mit theke vorn im laden.

      ich glaube, diese kitty (mit den wallenden roten haaren) hat das “saskia” betrieben. kann mich aber auch irren.
      grüßle erika

  3. Scharfrichter says:

    Hieß der Scandia-Club später “Flair”?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>