Skilly

Sieben Halbe brauchte er, bis er den Mut fand, die Frau des Geschäftsführers zum Tanz aufzufordern, sie willigte lächelnd ein, die Tanzkapelle spielte einen Marschfox, er aber preßte sie an sich, als sei es ein Klammer-Blues, sie widersprach freundlich lächelnd, er entließ sie trotzdem nicht aus dem Schraubstock seiner Arme, immer noch lächelnd, stieß sie ihn zurück, er war einen Moment irritiert, taumelte kurz, tänzelte, ja, tänzelte dann zur Kapelle und äußerte einen Musikwunsch: Skilly auf dem Betriebsfest des Kraftfutterwerks im Grünen Jäger in Verden.

Als die Musiker kopfschüttelnd ablehnten, ging er vor ihnen auf die Knie als wolle er um Gnade winseln, besann sich dann aber, blieb auf den Knien, und dirigierte, den Oberkörper schwer hintenüber gebeugt, die Kapelle in propellernd ausladenden Gesten mit seinen Schaufelhänden, und sang dabei, losgelöst von dem Stück, das sie gerade spielten, das andere Lied, das er sich wohl gewünscht hatte, und übertönte sie dabei fast.

Die großen Hände und Füße hatte er von seiner Großmutter geerbt, die mit der Schuhgröße 54 gesegnet war und das Regiment auf dem Hof führte, auf den sein Vater nur eingeheiratet hatte, Oma von Busch, seine Mutter, sein Vater, sein älterer Bruder, zum Schluß Skilly, das war die Familienhierarchie. Wir waren im selben Schuljahr, deshalb beide bei Lehrer Marquardt, 1. bis 4. Klasse im hinteren Raum, die 5. bis 8. Klasse hatte bei Lehrer Goschke im vorderen Raum. Er hatte den kürzesten Schulweg, nur quer über den Schulhof und durch das Loch in der Hecke, manchmal gingen wir mit und stöberten ein wenig in diesem großen Haus herum, in dem es so wunderbar alt roch.

Als wir dabei in einer Schublade im Telefontisch auf der Diele eine Sechserpackung Astor fanden, fünfzig Pfennig damals im Gasthaus Zur Linde oder bei Brandts Louise im Laden, konnten wir Skilly überreden, sie einzustecken und mit uns zu teilen. Am Nachmittag saßen wir dann zu dritt, Ziska, Skilly und ich, in der Hecke, die Thieheuers Bullenweide von Soßmanns vier Milchkühen trennte, und pafften, Rauchen konnte man das wirklich nicht nennen, so schnell und hastig es eben ging, die Schachtel mußte leer sein, bevor Soßmanns Werner zum Melken kam und uns erwischte. Ich war damals acht, es waren die ersten Zigaretten meines Lebens, erwischt hat uns niemand und ob der Diebstahl ans Tageslicht gekommen ist: wir haben nicht danach gefragt.

Wenn im Winter genug Schnee lag und weder Skillys Vater oben noch Steinhauer unten dazu gekommen waren, den breiten Weg, zwei Fuhrwerke kamen bequem aneinander vorbei, zu räumen, konnten wir wunderbar die fünfzig Meter bis hinunter zur Betonstraße rodeln. Allein bäuchlings oder sitzend, das war ganz und gar ungefährlich, zu zweit und zu dritt sitzend, wir wurden immer verwegener, als sich dann mein Bruder auf unseren Schlitten legte und sich Skilly, Heiner sowie beiden ältesten Lausecker-Brüder und auf ihn setzten, war es dann doch zuviel, mein Bruder konnte nicht mehr lenken, kam weit nach links ab, nach rechts sind wir beide auch im späteren Leben nie abgedriftet, krachte in ein Fuhrwerk, mit der Stirn geradewegs gegen die Wagennabe, der Schlitten blieb heil, mein Bruder hatte ein Loch im Kopf, “ein Wunder, daß er noch lebt”, das vom Arzt im Nachbardorf genäht werden mußte: “Onkel Doktor, dein Schnaps riecht aber besser als der von Papa.”

War das Wasser im Löschteich, schräg gegenüber auf der anderen Seite der Betonstraße, im Sommer nutzten wir ihn als Schwimmbecken, an der tiefsten Stelle ging mir das Wasser gerade bis zur Brust, war das Wasser im Winter gefroren, spielten wir dort Eishockey, die Schläger meist Äste, im besten Fall aus Latten von Tischler Büschking zusammengenagelt, egal, wieviel Holz wir brauchten, wir Kinder mußten immer zehn Pfennig dafür bezahlen. Ich spielte mit einem Ast, den Groschen gab ich lieber für eine Wundertüte mit einem Sigurd-Heft aus. Skilly und der älteste der Lauseckers spielten auch mit ziemlich dicken Ästen, Skilly traf den Lausecker aus Ungeschick am Arm, der wurde wütend, schlug zurück, ein Schlag gab den anderen, sie forderten sich gegenseitig auf, vom Eis zu gehen, drohten mit mühsam zurückgehaltenen Tränen in den Augen mit ihren Vätern, stapften dann plötzlich auf ihren Kufen los, die zu holen.

Jetzt standen sich die beiden Väter mit erhobenen Fäusten gegenüber, Bauer, Einheimischer der eine, Wirt der “Weserfähre”, Hundezüchter, Vater von sechs Kindern, Flüchtling der andere. “Von so einem Fettwanst von Bauer lasse ich mir gar nichts bieten”, dabei war Skillys Vater eher mager, “Kartoffelkäfer”, “von wegen, alles habt ihr uns abgenommen für ein paar Kartoffeln”, “den Lastenausgleich kriegt ihr in den Arsch geblasen”, “du hast dich doch selbst schön ins gemachte Nest gesetzt”, “Ficken und Kinder in die Welt setzen, mehr kannst du nicht”, “ihr seid doch alle zu vollgefressen dafür”, “dumm wie Bohnenstroh”, so ging das wohl eine Dreiviertelstunde, es war schon dunkel geworden, die beiden Jungen waren längst wieder auf dem Eis und hatten sich vertragen, wir spielten weiter und ließen uns von dem Gezetere nicht stören. So lange sich die beiden stritten, mußten wir nicht nach Hause.

Zwischen uns Kindern verliefen die Fronten nicht so wie zwischen den Eltern. Die Bundesstraße, die das Dorf in Ober- und Unterdorf teilte, bestimmte unsere Zugehörigkeitsgefühl. Skilly, die Lauseckers, die Steinhauers, Wolfgang, Heiner, mein Bruder und ich, wir gehörten zum Unterdorf, unser Reich war Thieheuers Park mit der halb zerfallenen Grotte, zu dem die aus dem Oberdorf keinen Zutritt haben sollten, vor allem durften sie nicht mitbekommen, daß wir dort heimlich nach Kohle und Öl gruben und damit reich zu werden gedachten. Schon nach drei Spatenstichen malten wir uns aus, was wir uns für den Reichtum kaufen würden, die anderen Matchbox-Autos und später Mopeds, ich Kartenspiele und Bücher, das Wurzelwerk der alten Bäume hinderte uns aber am Erfolg. Der Bande aus dem Oberdorf gefiel das gar nicht. Mehr als einmal überfielen sie uns, und an der Mauer, die den Park zur Betonstraße hin begrenzte, kam es zu regelrechten Schlachten mit dicken Knüppeln als Waffen. Die blauen Flecken, die wir dabei davontrugen, war uns die Sache “unseres” Parks wert.

Als ich dann aufs Gymnasium kam, täglich mit der Bahn hin und zurück, neue Freunde lernte ich auch kennen, gingen unsere Wege auseinander. Eine höhere Bildung war nur für seinen älteren Bruder vorgesehen, Skilly sollte den Hof übernehmen und dafür reichten nach Ansicht seiner Eltern acht Jahre Volksschule. Manchmal spielten wir noch nachmittags Fußball auf dem Zwergschulhof, der zugleich Bolzplatz war, aber ich ging nicht so gern hin, weil ich fast immer als letzter gewählt wurde und Torwart oder ruhender Verteidiger spielen mußte, später gingen wir noch gemeinsam in den Konfirmandenunterricht und alle zwei Wochen, wenn Kindergottesdienst war, zwangsweise in die Kirche. Einige Zeit luden wir uns noch gegenseitig zu unseren Geburtstagen ein. Da tischten unsere Mütter Buttercremetorten, Frankfurter Kränze und Schokoladenkuchen auf, da waren sie gleich, wir tranken Kakao, erzählten uns die ewigen Witze über den Engländer Haven Stieven, den Norweger Laten Rinström und den Chinesen Link Ei Futsch, prusteten zum Zorn unserer Mütter dabei vor Lachen die Getränke auf die frisch gewaschenen und gestärkten weißen Tischtücher. Nach der Konfirmation hatte auch das ein Ende.

Erst im Kraftfutterwerk kreuzten sich unsere Wege wieder. Nach dem Studium hatte ich erst einmal genug vom intellektuellen Gehabe, von den Studenten, den revolutionären insbesondere, von denen es in Göttingen nur so wimmelte, und kehrte zurück an die Mittelweser, meinen Lebensunterhalt dort als Lagerarbeiter zu verdienen, Kraftfutter absacken, Säcke schleppen, Lastwagen beladen. Skilly arbeitete in der Produktion, Kraftfutter mischen und in die Silolastwagen abfüllen.

Den Hof hatte er übernommen, Vieh hatte er keines mehr, bewirtschaftete nur noch wenig Ackerfläche, entweder nach der Früh- oder vor der Spätschicht und an den Wochenenden. Die Kollegen sagten ihm Faulheit nach, er liege oft Tage oder Wochen mit den notwendigen Arbeiten zurück, bekomme die Saat nicht rechtzeitig in den Boden oder lasse das Korn auf dem Halm verderben.

So langsam Skilly mit dem Trecker war, so schnell war er mit dem Bierglas. “Wo man trinkt die Halben in zwei Zügen aus”, heißt es im Weserbogenlied, Skilly brauchte nur einen Zug, hatte die seltene Gabe, es einfach durch die Kehle laufen zu lassen. Als ich mit ihm im Sandkrug an der Theke saß und mit ihm anstieß, Doppelkorn gegen Herforder, hatte er sein großes Bier schneller gekippt als ich meinen Korn. Sein Rekord für den halben Liter soll soll handgestoppt unter drei Sekunden gelegen haben.

Nun, auf dem Betriebsfest im Grünen Jäger, hatte er mehr als einen halben Liter sturzgetrunken, war schwer angeheitert, ruderte auf den Knien hockend mit den Armen und sang aus Leibeskräften gegen die Kapelle an. Cord, Kollege aus dem Mix, an einer Allergie gescheiterter Automechaniker, tollkühner Fußballtorwart, Dostojewski-Kenner und Schachspieler, und ich sahen uns kurz an, dann durchzuckte uns die Erkenntnis fast gleichzeitig: “Ein Philosoph! Heinz ist ein Philosoph!” – “Jawohl, ein Philosoph, und wir haben es all die Jahre nicht bemerkt!” Wir standen auf und klatschten uns ab. “Da suchen wir bei Dostojewski und bei Kafka”, den las Cord auch, “und der, der alles wirklich blickt, tief blickt, ist die ganze Zeit mitten unter uns.” – “Darauf müssen wir noch einen trinken. Unbedingt.” Ich orderte eine Lage, Uwe und unsere Begleitungen schüttelten verständnislos ihre Köpfe. “Heinz, komm her und trink noch einen mit!” Aber Skilly konnte uns nur noch blöde anschauen und kam nicht mehr hoch. Zu zweit schleppten wir ihn auf seinen Stuhl.

Mehr als ein Jahrzehnt nach meiner Zeit bei den Kraftfutterwerken, die inzwischen in Konkurs gegangen waren und alle entlassen hatten, sah ich ihn dann wieder, im Supermarkt kam er freudestrahlend auf mich zu, er sei jetzt auch verheiratet, mit einer sehr viel jüngeren Frau, und sie erwarteten ein Kind. Den Hof hatte er vollständig aufgegeben, alles Land verpachtet. Es war unsere letzte Begegnung.

Wiederum ein paar Jahre später stand es groß in der Zeitung und er war Tagesgespräch im Landkreis. Die Zollfahndung hatte nachts sein Gehöft durchsucht und mehrere Millionen unversteuerte Zigaretten gefunden. Er hatte seine Scheune an die falschen Leute vermietet.

This entry was posted in Gestalten, Orte. Bookmark the permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>