Lichte Momente 1: Lächerlichkeit des Seins

Da saßen wir an diesem kalten Samstagabend Ende Dezember 1970, Gaggi M., Ahab K. und ich, auf der Bank an der Bushaltestelle vor dem Bahnhof und tauschten lachend Gedanken von philosophischer Untiefe aus. Die Trips hatte Gaggi von diesen drei coolen Typen Ende dreißig mit Kurzhaarschnitt und Bärten besorgt, im Gegensatz zu uns stets korrekt gekleidet, altehrwürdige User, mit bewußtseinserweiternden Drogen schon seit den 50er Jahren vertraut. Ahab hatte nichts eingeworfen, das machte er nie, er sei sowieso “immer so drauf” und das LSD könne seine Weisheit nur ins Gegenteil verstärken.

Aus der Bahnhofshalle kam Oskar auf uns zu, die Hände in den Hosentaschen, leicht schwankend. Wir gehörten zu den Bekannten seiner Freundin, sonst berührten sich unsere Kreise nicht, wir wußten, daß sie sich mit ihm am liebsten im Keller auf dem Billardtisch ihres Vaters vergnügte, und daß er Medizin studierte in Hannover, natürlich, das war aber auch alles.

Er verschonte uns nicht, kam immer näher, blieb dann vor der Bank stehen, unterbrach unser Gespräch über die Liebe, überschwallte uns, froh, jemanden gefunden zu haben, dem er sein Herz ausschütten konnte, das Studium, alles so schwer, das bevorstehende Physikum, die Furcht, es zu verhauen beziehungsweise einmal schlechter als gut zu sein. Mit jedem Wort kamen mir seine Probleme lächerlicher vor angesichts des Universums, der Unendlichkeit und der Geheimnisse wahren Lebens. Was jagst du den falschen Göttern nach, wollte ich ihm sagen, komm lieber her, nimm eine Pille und spüre die Weite des Seins, aber ich blieb stumm, begann nur innerlich lauthals zu lachen über diesen verschrumpelten Luftballon von Problemen, Geist und Leben, ein Bauchlachen, nach außen ließ ich nichts als ein ernsthaftes Desinteresse und ein leichtes Grinsen durch.

Irritiert blickte Oskar von einem zum anderen, wandte sich ab, drehte sich einmal um die eigene Achse, trottete dann davon, den Berliner Ring entlang. Ich beschloß, genug zu haben von der Gesellschaft Ahabs und Gaggis, holte ihn mit großen Schritten ein, lief fünfhundert Meter schweigend neben ihm her, an der Hannoverschen Straße bog er links ab in Richtung Bürgerhalle, ich lief die restlichen sechseinhalb Kilometer bis nach Hause im Gehertempo, so kam es mir jedenfalls vor, geradeaus weiter durch die Kälte.

Mein Bruder war gerade von seiner Tour durchs Dreieck Sandkrug, Post, Ochsentränke zurück, sah mich nur einmal kurz an und wußte sofort Bescheid: “Du bist drauf, und wie!” Ich, der ich ihm jahrelang als Muster an Bravheit und anständigem Lebenswandel vorgehalten worden war, nahm dasselbe Zeug wie er … Lachend gingen wir zu Bett.

Oskar sah ich nach dieser Begegnung nie wieder. Er soll sich einige Jahre später das Leben genommen haben.

This entry was posted in Erlebnisse, Schnipsel. Bookmark the permalink.

One Response to Lichte Momente 1: Lächerlichkeit des Seins

  1. Erika says:

    neee, DER oskar hat bis heute eine gutgehende arztpraxis in marklohe..
    greetz

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>