Wem gehört der deutsche Wald?

“Wo die Weser einen großen Bogen macht …”

Nachts um halb eins aus sieben Kehlen in einem Zweibettzimmer im Haus Sonnenberg in St. Andreasberg.

“Wo man trinkt die Halben in zwei Zügen aus …”

Der Rotwein kreiste in Flaschen, den hatten wir besorgt, Manni, Moppel, Andreas und ich, dazu gab es Käse, in dicken Stücken vom Laib geschnitten, den hatten die beiden dänischen Lehrer aus Odense mitgebracht: die Cracker waren der Beitrag des lustigen dicken Simultandolmetschers.

“Remmerbier, Remmerbier trink ich gerne,
Remmerbier, Remmerbier hat keine Kerne,
Remmerbier, Remmerbier, das fließt munter
unsre Kehlen rauf und runter …”

Unser Gesang war nicht schön, aber laut, und nebenan gut zu hören. Nebenan, da waren die beiden Lehrer untergebracht, Deutsch, Geschichte, Kunst, die uns auf dieser Studienfahrt begleiteten. Beim Frühstück am nächsten Morgen setzten sie sich an unseren Tisch, musterten erst uns eingehend, wendeten ihre Köpfe dann zueinander, schauten sich wissend an und wunderten sich laut, wie gut die Dänen sich mit dem norddeutschen Liedgut auskannten. Niemand verzog eine Miene.

“Hermann Löns, die Heide brennt …”

Mit dem Pegel stieg die Stimmung und die Lieder kippten vollends ins Heimattümlich-Suffköpfige. Ich erzählte von der antiautoritären Bewegung an der Mittelweser, von den Zusammenkünften der Avantgarde, der Laberkönige vom USSB, im Stockturm, der Dolmetscher nahm einen Schluck aus der Pulle und begann, mich ins Dänische zu übersetzen, seine Lehrerkollegen glucksten erst, prusteten dann los: “So macht er das immer, wenn du sprichst.” Ich begriff gar nichts und muß auch so ausgesehen haben. “Ich lege dir lustige Sachen in den Mund, Kabarett, das kommt besonders bei den Mädchen gut an.” So gut Deutsch, ihm auf die Schliche zu kommen, könnten sie alle nicht, und: Warum ich besonders bei Aenne-Mette und Helle einen solchen “Stein im Brett” habe, solle ich mich fragen.

Ich war erst einmal sauer. Internationale Jugendtagung “Gesellschaft und Demokratie” vom 12. bis zum 21. Mai 1968, die aufregenden Ereignisse in Paris paßten zum Thema und schwappten immer wieder in die Debatten, Leitung ein Dr. Ray Bomber, der Mann hieß wirklich so, die Referenten ausnahmslos Jungpolitologen unter 30, das war für uns sehr wichtig damals, außer unserer noch die Schulklasse aus Odense und eine aus Bremen, die Hormone wilderten in beiden, jeder meiner Diskussionsbeiträge, und es waren nicht wenige, wurde mit vollem Ernst und feurig überzeugt vorgetragen; und dieser dicke Dolmetscher synchronisierte mich als Schmierenkomödie. Meine Verstimmung hielt aber nur wenige Sekunden an, er schnitt mir ein dickes Stück Käse ab und vom Wein beschwingt vergab ich ihm.

“Was führt ihr denn morgen zum Abschluß auf?” Aus dem “morgen” war längst “heute” geworden und so selbstverständlich, wie wir uns damals solch reaktionärem Brauchtum verweigerten, hatten wir auch nichts vorbereitet.

“Ho, Ho, Ho-Chi-Minh!”

Aber mein Ehrgeiz war geweckt. Nach dem letzten Lied und dem letzten Schluck Rotwein legte ich mich nicht ins Bett, sondern setzte mich hin und schrieb, inspiriert von Handkes “Publikumsbeschimpfung”, die man gerade im Theatersaal an der Buermende gegeben hatte, dem Internationalen Vietnam-Kongreß, den der SDS im Februar in Berlin veranstaltet hatte, und den Demonstrationen des Frühjahrs, ein kleines Stück Sprechtheater, weniger als zehn Minuten, Parolen, wie sie auf den Protestmärschen skandiert wurden, Bruchstücke aus Aufrufen, Pamphleten und anderen Schriften der APO, nachempfunden, denn an die Originale kam ich in dieser Nacht nicht heran, handschriftlich, gleichmäßig verteilt auf fünf Manuskripte für fünf Vorleser.

Kurz vor dem Frühstück war ich fertig und schnappte mir vier Mitstreiter, jeder bekam seinen Text in die Hand gedrückt. Nach dem Frühstück übten wir kurz, eine Reihenfolge hatte ich nicht festgelegt, jeder entschied spontan, wann er an der Reihe war, die Parolen im Chor, dem Vorbeter nach. Die Aufführung unterschied sich dann auch ein wenig von der Probe. Wir standen nicht, sondern hockten im Halbkreis auf dem Boden, vieles kam an anderer Stelle, manches blieb ungesagt, weil es dem Sprecher doch nicht in den Kram paßte, bei den Parolen reckten wir jetzt immer unsere linken Fäuste rhythmisch in die Luft.

Dem Publikum gefiel es, nur unserem Deutsch- und Klassenlehrer Dr. S. nicht, der stand vor diesem Stück ebenso ratlos wie vor Handkes “Publikumsbeschimpfung” und mochte es nur als Klamauk und Ausdruck ungezügelten Rebellentums, nicht aber als Theater anerkennen. Der stärkste Beifall kam von den dänischen Mädchen und ich fragte mich, welcher Teufel den Dolmetscher wieder bei seiner Simultanübersetzung geritten hatte. Er bat mich um ein Manuskript, ich gab ihm den Loseblatthaufen des einzigen Originals, etwas anderes hatte ich ja nicht, das er später übersetzte und das als Grundlage einer weiteren Aufführung an der Schule in Odense diente.

Moppel hielt weiter brieflichen Kontakt mit den beiden dänischen Lehrern und als Spätfolge des Käse-, Rotwein- und Liederabends bekamen wir eine Einladung nach Odense. Wir fuhren in den letzten beiden Ferienwochen, als in Dänemark die Schule schon wieder begonnen hatte. Das Geld für diese Fahrt verdiente ich mir mit Gartenarbeit für den Fabrikanten Scharmentke und mit Interviews für ein Meinungsforschungsinstitut, sechs Mark fünfzig pro Stück. Die beiden Gauloises rauchenden Soziologiestudenten, die im Bully über die Dörfer fuhren und unsere Truppe einteilten und anwiesen, wurden zu meinen neuen Göttern, ich wechselte von Stuyvesant auf Filterlose, Roth-Händle, der Dritte Weg zwischen den Bauarbeiter-Overstolz meines Vaters und den kurzen Franzosen mit dem Flair von Aufbruch und Welterkenntnis.

“Das ist jetzt Hitlers Autobahn?”
“Nein, das ist die A2.”
“A7, auf dem Schild steht A7.”

Wegen Rolf, sein Vater war ein höherer Offizier bei den Panzergrenadieren in Langendamm, wären wir beinahe nicht losgekommen, seine Eltern beide in Urlaub, er mußte das Haus hüten und wagte nicht, es zu verlassen, bevor er nicht die letzte Franse am riesigen Wohnzimmerteppich sorgfältig gerade gekämmt hatte, wegen Erich, der Kadett gehörte seiner Mutter, wären wir beinahe nicht angekommen, auf der Autobahn, 150 Kilometer von Herrenhausen bis Hamburg, fuhr er Strich 90: “Sprit sparen”, für zwei Minuten kurbelte er vor Walsrode das Schiebedach zurück, wir durften die Hände in den Wind strecken, dann mußte es wieder geschlossen werden: “Luftwiderstand.” Doch, ich war mit ordentlichen Leuten unterwegs.

Die Nacht bei Moppels Bruder in der Pfeifenraucherwohnung in Altona, frühmorgens dann auf den Fischmarkt, Nachtschwärmer gegen Frühaufsteher, weiter über Kolding, wir winkten heftig in die Richtung, in der wir den Simultandolmetscher vermuteten, und die alte Lillebæltsbroen hinüber nach Fünen. In Odense wohnten wir bei einem der beiden Lehrer, blau gestrichenes Kiefernholz, reichhaltiges Frühstück am großen runden Tisch. Auf dem Stadtrundgang gelang es uns, eine Bildzeitung zu kaufen, unsere Waffe für den übernächsten Tag.

“Wem gehört der deutsche Wald? Den Jägern oder den Liebespaaren?”

Man hatte uns gebeten, eine Deutschstunde zu geben, in der Klasse, die uns und umgekehrt wir sie aus Sankt Andreasberg kannten, mit Helle, einsfünfundsiebzig, dunkelhaarig, und Änne-Mette, einssechzig, blond, und den anderen Objekten unserer Begierde, 45 Minuten, nur von uns frei gestaltet. Die Bildzeitung legten wir hübsch gefaltet in einen Schnellhefter, unsichtbar für die Klasse, vorne drauf ein Schild, in Druckbuchstaben deutlich beschriftet: “Aktuelle Texte zur Interpretation”. Wir lasen den Leitartikel vor: “Wem gehört der deutsche Wald? Den Jägern oder den Liebespaaren?” – emotions- und fast tonlos, als sei es ein langweiliger Sachtext aus der Gemeinschaftskunde – und wir ließen die Ahnungslosen darüber diskutieren. Die bemühten sich um ernsthafte Argumente, die Jäger gewannen, sich offen auf die Seite der Liebespaare zu stellen war den meisten wohl zu heikel, und für die Liebe seien Betten auch bequemer. Erleichtertes Gelächter, als wir am Ende der Stunde die Bildzeitung aus dem Hefter nahmen, entfalteten und enthüllten, worauf sie hereingefallen waren.

Am Abend gab es dann eine Klassenfete in der Schule, in einem Raum im Keller, Beatmusik und Coca Cola, uns wurde das Vorgriffsrecht auf die Mädchen eingeräumt, wenn wir mit ihnen tanzen wollten, mußten die dänischen Jungs zurückstehen. Fürwahr, nach einer Rotwein- und Käsenacht, einem kleinen Stück Sprechtheater und, ausgerechnet, im schönsten Kontrast dazu, einem Sommerlochartikel aus dem Springerblatt, hatten wir jetzt einen Riesenstein im Brett der, vor allem, Däninnen.

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