Ringo

Won’t you shake me, baby, well get you rollin’ down
Won’t you shake me, baby, well get you rollin’ down
Oh, baby, we’re gonna have some fun

Selbstverwaltete Diskothek “Go In” im Fresenhof an einem Sonntagnachmittag Anfang 1970. Kaum hatte ich Ten Years After aufgelegt, verließen die Hindenburg-Schülerinnen und Albert-Schweitzer-Schüler die Tanzfläche. An ihre Stelle – “Stark, Zapp, Alter!” – traten Ringo und Frankenstein und zuckten im Stand nach dem schnellen Rhythmus, stadtbekannte Rocker beide. Frankenstein hieß so wegen seines Aussehens, in seiner Nähe durfte man das nicht wagen, mußte auf “Fränkie” ausweichen. Von Ringo ging die Sage, er habe sich in der “Kajüte” mit einem zertrümmerten Stuhl in der Hand die halbe Unterwelt der Stadt erfolgreich vom Leibe gehalten.

“Danke, Zapp, wir sind deine Freunde, wenn jemand was von dir will, du weißt, wo du uns findest.” Jetzt hatte ich den Schutz der Kleinstadtrocker, aber auflegen durfte ich nicht mehr. Die anderen im Verein mochten das Publikum nicht, das ich anzog. Als Trostpflaster ernannte man mich zum Ehrenmitglied und sicherte mir lebenslangen freien Eintritt zu.

Bald darauf rauchten auch Ringo und Fränkie ihren ersten Joint, schworen der Sauferei und der Gewalt ab und wandten sich innerlich wie äußerlich Love & Peace & Happiness zu. Frankenstein kaufte sich eine Gitarre und zog als Straßensänger durch die Welt, Ringo verließ die Handelsschule und übergab sich einem von seiner Mutter betreuten Kleinstadt=Hippieleben.

Zwölf Jahre später, ich war nach Bund-, Arbeiter- und Studienjahren wieder in die Heimat zurückgekehrt, rief mich ein Bekannter an, ich solle “mal was Sinnigeres machen” als Säcke zu schleppen in der Futtermittelfabrik, er brauche einen Co-Trainer für einen Kurs mit Arbeitslosen. Die Bezahlung war anständig, ich sagte Ernst-August und dem Dicken Adieu.

In der Teilnehmerliste ein Wolfgang Janz: Ringos bürgerlicher Name. Er wohnte noch immer bei seiner Mutter und wurde von ihr versorgt. Sein Lebenslauf hatte außer der abgebrochenen Höheren Handelsschule und Auszeiten als Flohmarkthändler nichts aufzuweisen, er wußte sich aber gut zu verkaufen, war er doch der einzige, den der IHK-Vertreter nach den gespielten Vorstellungsgesprächen übernommen hätte: in seinem Wunschberuf als Schallplattenverkäufer.

Auf dem Gebiet der populären Musik konnte kaum jemand Ringo etwas vormachen. Er war eng mit der lokalen Musikerszene verbunden und nannte zudem eine der wohlsortiertesten und umfangreichsten Plattensammlungen sein eigen – von den Stones über Zappa bis zu den Ramones, dazu jede Menge Krautrock.

Als er dann tatsächlich in einem der beiden Plattenläden der Stadt hätte anfangen können, kamen ihm plötzlich arge Bedenken. Der Laden in der Langen Straße sei der schlechtere von beiden, die hätten dort “keine Ahnung von Musik” und gingen “sowieso bald pleite”. Es kam andersherum, als Ringo prophezeit hatte. Das Schallplattengeschäft in der Leinstraße, in dem er gern gearbeitet hätte, sich aber nie beworben hat – “Ich frag mal, wenn ich da die nächste Platte kaufe.” – konnte sich nicht halten. Ringo blieb für den Rest seines Lebens arbeitslos.

Sechs Jahre später. Martin (damals Suchtberater, heute Paartherapeut) fragte mich, ob ich einen Wolfgang Janz kenne. Der behaupte, ich sei einmal einer seiner besten Kumpel gewesen, und wolle mit mir über alte Zeiten plaudern,

Ringos Mutter war inzwischen gestorben, ohne sie kam er in der Welt nicht zurecht, und er war in einer betreuten Wohngemeinschaft untergebracht. Da saßen wir dann bei einer Tasse Kaffee und erzählten den staunenden Mitbewohnern und Betreuern aus einer Zeit, in der wir beide, jeder auf seine Art, der Schrecken der braven Kleinstadtbürger gewesen waren.

Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?
My friends all drive Porsches, I must make amends.
Worked hard all my lifetime, no help from my friends,
So Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?

Oh Lord, won’t you buy me a color TV ?
Dialing for Dollars is trying to find me.
I wait for delivery each day until three,
So oh Lord, won’t you buy me a color TV?

Oh Lord, won’t you buy me a night on the town ?
I’m counting on you, Lord, please don’t let me down.
Prove that you love me and buy the next round,
Oh Lord, won’t you buy me a night on the town?

Ringo mußte von Sozialhilfe leben. Seine Plattensammlung wuchs nur noch sehr langsam. Nebenbei schrieb er Plattenkritiken für ein monatlich erscheinendes Veranstaltungsmagazin, das vor allem im Rimini=Dreieck Rinteln-Minden-Nienburg verbreitet war, und wurde in der warmen Jahreszeit oft als Ansager für kleine Festivals links und rechts der Weser gebucht. Als Höhepunkt brachte er dann immer Janis Joplins “Mercedes Benz”, das einzige Lied, das er, in Statur und Bewegungsablauf eher Joe Cocker ähnlich, singen konnte und durfte.

Vier Jahre später. Ohne diesen Zufall wären wir uns vielleicht nie wieder begegnet. Ich hatte Mittagspause und wollte etwas im Supermarkt einkaufen. Ringo saß links neben dem Eingang, dünne Arme und Beine, bunt-verwaschene Baumwollhose, ein Hawaii-Hemd schlotterte um seinen verfallenen Körper, Klappergestell und Schatten seiner selbst, und bettelte mich an: “Zapp, Alter, haste mal ne Mark für mich?” Ich kaufte ihm eine Schachtel Mentholzigaretten und eine Dose Bier. “Danke, du warst und bist der Beste.” Beides durfte er nicht mehr. Und beim Betteln durfte er auch nicht erwischt werden. Man hatte ihn jetzt im Altenheim um die Ecke untergebracht. Fünfundzwanzig Kilometer von seinem bisherigen Leben und seiner vertrauten Umwelt entfernt. Die Plattensammlung hatte der Heimleiter in Verwahrung genommen.

Ein einigermaßen normales Leben war ihm nur noch mit regelmäßigen Depotinjektionen Haldol möglich. “Bin vor Urzeiten auf nem Speed-Trip hängengeblieben, verstehste?” Nach einer frischen Gabe hatte er Schluck- und Sprechbeschwerden: “Fast Zungenlähmung, Zapp.” Aber man konnte sich einige Tage normal mit ihm unterhalten. Je weiter die Wirkung nachließ, desto unruhiger und hastiger wurde er, seinen Worten konnte man dann kaum noch folgen. In diesen Phasen war ich froh, wenn ich meinen wöchentlichen Besuch hinter mir hatte.

Er war erst vierundvierzig, aber viele Besuche wurden es nicht mehr. In seiner letzten Nacht, als er wußte, daß er sterben würde, bat er um ein letztes Bier und um eine letzte Zigarette. Beides wurde ihm “aus gesundheitlichen Gründen” von der Heimleitung verwehrt. Stattdessen wurde seine Plattensammlung unauffällig einbehalten.

Zu Grabe getragen haben wir ihn zu viert: zwei ehemalige Betreuer, Martin und ich.

R.I.P.

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2 Responses to Ringo

  1. Phantin says:

    Ein Text, der so viele Bilder wiederauferstehen lässt – interessanterweise Ortsunabhängig und auf mehreren Ebenen. Vielen Dank. Auch für das Umgehen mit Menschen darin.
    Wenn ich auch selten in die Blogs hinter tweets tauche: das lese ich gern.
    Frohen Pfingstgruß
    dPhantin

  2. Erika says:

    unvergessen….. R i n g o

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