Henry Ritzer, Widerstandskämpfer

April 1984

Im Hinterzimmer der Gaststätte, in der über Jahrzehnte der 1. Mai, der Kampftag der Arbeiterbewegung, als behäbige Saalveranstaltung durchgeführt wurde, sitze ich mit 21 DGB-Senioren und dem Leiter der Veranstaltung bei Bier, Kaffee und Kuchen in gemütlicher Runde und sie erzählen mir etwas, das ich aufschreiben und der Nachwelt erhalten soll. An diesem Nachmittag erzählen sie eine ungeheuerliche Geschichte, die schwere Empörung in mir auslöst.

1. Mai 1932

Der Sägewerksbesitzer, Fabrikant und überzeugte Nationalsozialist E. läßt auf seinem Fabrikschornstein die Hakenkreuzfahne hissen. Diese Provokation an diesem Tag und in dieser “roten” Kleinstadt kann die Arbeiterbewegung nicht auf sich sitzen lassen. Als der Umzug am Sägewerk vorbeimarschiert, stürmt ein kleiner Trupp das Fabrikgelände, der Sanitäter H. klettert den Schornstein hoch und reißt die Hakenkreuzflagge herunter. Darauf hat der Fabrikant E. nur gewartet. Mit geladenem Jagdgewehr eilt er herbei, treibt die Genossen in die Flucht und schießt den Sanitäter H. von der Leiter, der kurz darauf seinen Verletzungen erliegt. Von der bürgerlichen Presse sei das Ereignis totgeschwiegen worden, eine gerichtliche Verfolgung des Todesschützen habe nie stattgefunden.

Mai 1984

Da ich Zugang zum Archiv der lokalen Tageszeitung habe, gehe ich die Ausgaben der ersten Maiwoche 1932 durch. Am Montag, dem 2. Mai 1932 findet sich ein kleiner Artikel über den Umzug und eine Kundgebung, aber kein einziges Wort über den Zwischenfall. Auch an den Tagen danach: nichts. Bin ich einer Riesenschweinerei auf der Spur? Der Leiter des Stadtarchivs, ein CDU-Mann, empfiehlt mir, ein Interview mit Henry Ritzer zu führen, einem alten Widerstandskämpfer, der nach dem Krieg auch einmal Bürgermeister gewesen sei, der könne mir sicher Auskunft geben.

Juli 1984

Bewaffnet mit dem obligatorischen Kassettenrekorder sitze ich Henry Ritzer gegenüber, einem kräftigen, großen Fünfundsiebzigjährigen mit einem schönen Bass. Bevor ich das Gerät einschalten darf, werde ich erst einmal examiniert: meine politischen Überzeugungen, mein Wissen über die Weimarer Republik und das Dritte Reich, meine Faschismustheorie, meine politische Praxis. Er scheint zufrieden zu sein mit meinen Antworten und auch ich bin beeindruckt, als der alte Agitator mit ihm durchgeht und er mir noch einige Exemplare der Zeitschrift Arbeiterpolitik in die Hand drückt. Dann geht es los.

Zunächst einige Erlebnisse aus der Jugend. Mit noch nicht einmal 14 Jahren beginnt er noch in der Inflationszeit eine  Lehre in einer Anwaltskanzlei. Er muß am Samstag arbeiten und kann den Wochenlohn nicht mehr ausgeben. Am Montag bekommt er gerade noch einmal eine Kugel Eis dafür. In diesem Jahr tritt Henry Ritzer der Arbeiterjugend bei, später der SPD.

In der Weltwirtschaftskrise geht es mit der Kleinstadt bergab. Eine der beiden Glashütten muß 1932 schließen. 2000 Menschen stehen buchstäblich auf der Straße. Täglich vor dem Arbeitsamt, denn damals muß man sich noch jeden Tag einen Stempel abholen, um am Ende der Woche das Arbeitslosengeld ausbezahlt zu bekommen. Henry Ritzer muß jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit an der langen Schlange vorbei und sich die übelsten Beschimpfungen anhören. Seit der Zustimmung der sozialdemokratischen Minister zum Panzerkreuzerbau entfernt er sich politisch immer mehr von der SPD und gründet 1932 eine Ortsgruppe der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), die auch die Partei Willy Brandts war.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten arbeitet Henry Ritzer im Untergrund weiter und nimmt am antifaschistischen Widerstand teil. Auch als 1937 die meisten illegalen Strukturen der SAPD von der Gestapo zerschlagen sind, gelingt es ihm, weiter den Kontakt zu den Bremer Genossen zu halten. Die Treffen und Besprechungen finden immer zu den Heimspielen von Werder Bremen im Stadion statt, eine Tarnung, die bis zum Kriegsende nicht auffliegt, was Henry Ritzer aber nicht davor bewahrt, in ein Strafbataillon eingezogen zu werden.

1946 kehrt Henry Ritzer aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurück, geht wieder in die SPD, hält aber immer noch engen Kontakt zu den Bremer Genossen aus dem Widerstand, die sich zur Gruppe Arbeiterpolitik organisieren. Kurt Schumacher wird auf ihn aufmerksam, macht ihn zum Ortsvereinsvorsitzenden, später ist er für kurze Zeit sogar Bürgermeister der Stadt. Den Sozialdemokraten mißfällt, daß Henry Ritzer regelmäßig Treffen und Schulungen mit Gewerkschaftern abhält, zu denen er als Referenten seine Genossen aus der Gruppe Arbeiterpolitik einlädt. Die SPD versucht, ihn hochzuloben, doch er bleibt seinen Überzeugungen treu und lehnt die Posten des Stadtdirektors, des Regierungspräsidenten und auch die Leitung des Landesarbeitsamtes ab. Ein Parteiausschlußverfahren mißlingt und endet mit einem bloßen Funktionsverbot.

Zu den Ereignissen, die den Sanitäter H. das Leben gekostet haben sollen, hat Henry Ritzer eine andere Erinnerung als die 21 Gewerkschaftssenioren. Die Schießerei habe zu anderer Gelegenheit stattgefunden und der Sanitäter habe überlebt.

Juli 1932

Zum Roten Sommerfest, daß die Industriearbeiterschaft als Gegenstück zum bürgerlichen Scheibenschießen feiert, läßt der Sägewerksbesitzer, Fabrikant und überzeugte Nationalsozialist E. auf seinem Fabrikschornstein die Hakenkreuzfahne hissen. Für die Feiernden an diesem Tag und in dieser Stadt eine Provokation, die man nicht auf sich sitzen lassen kann. Als der Umzug am Sägewerk vorbeimarschiert, stürmt ein kleiner Trupp das Sägewerksgelände, der Sanitäter H. klettert den Schornstein hoch und reißt die Hakenkreuzflagge herunter. Darauf hat der Fabrikant E. nur gewartet. Mit geladenem Jagdgewehr eilt er herbei, treibt die Genossen in die Flucht und schießt dem Sanitäter H. eine Ladung Schrot in den Hintern, so daß der im Krankenhaus behandelt werden muß.

August 1984

Die Senioren, denen ich das vorhalte, werden wütend. Der Mann lüge und Bürgermeister sei er auch nie gewesen. Dabei belegen die schriftlichen Quellen die Version Henry Ritzers. Im Juli 1932 findet sich eine entsprechende Meldung in der Zeitung. Außerdem ist der Sanitäter H. im Telefonbuch von 1939 noch quicklebendig vorhanden.

Mit der Erinnerung ist es eine seltsame Angelegenheit. Sie wird weniger von den erlebten Ereignissen geprägt als von der eigenen Geschichte danach und der gegenwärtigen persönlichen Lage. Anders als Henry Ritzer haben die Gewerkschaftssenioren des Gesprächskreises den Nationalsozialismus nicht aktiv bekämpft, sondern sie haben sich in das aus ihrer Sicht Unvermeidliche gefügt. In ihrer kollektiven Erinnerung erscheint deshalb die Schrotladung auf den Hintern des Sanitäters H. als Symbol für die Brutalität, Stärke und Unüberwindlichkeit des Nationalsozialismus und gleichzeitig für die Richtigkeit ihrer damaligen Passivität.

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One Response to Henry Ritzer, Widerstandskämpfer

  1. Wir zogen vom Dorf in die Stadt. Seit Ende der 50er Jahre waren wir Nachbarn von Henry und Lina Ritzer, sozialer Wohnungsbau, Hochparterre. “Seid leise Kinder”, schärfte uns meine Mutter ein, “gegenüber wohnt der Bürgermeister!” Wir kuschten und schauten in der Folgezeit den Nachbarn respektvoll an. Später, als ich zu studieren begann und mich dem SDS anschloss und mehr ans Demonstrieren als an das ordnungsgemäße Studium dachte, klagte meine Mutter dem “Bürgermeister” ihr Leid. Der beruhigte sie, er würde sich mal mit mir unterhalten. Als ich kurze Zeit später meine Eltern besuchte, sprach er mich an. Das Gespräch verlief ähnlich wie bei “scharfrichter”. Henry empfahl mir einige Bücher, drückte mir Schriften von Thalheimer in die Hand und natürlich die Arpo. Er versuchte meine Ungeduld zu bremsen, die Zeit sei noch nicht reif für die Revolution. Er kannte auch meinen alten Deutschlehrer, der dafür bekannt war, dass er seine Schüler bei schlechtem Betragen übers Knie legte und sie – keuchend, mit heraushängender Zunge – verdrosch. “Ein alter Trotzkist”, war Henrys leicht verächtlicher Kommentar, ohne weiter darauf einzugehen.
    Seiner Einladung zum nächsten Jahrestreffen der Gruppe Arbeiterpolitik folgte ich natürlich, ich bewunderte den Nachbarn. Die Treffen fanden oft unter einem belanglosen Anlass, fast klandestin, im Naturfreundhaus statt. “Warum so geheimnisvoll?”, wollte ich von Henry wissen. Der wiegte nur bedeutungsvoll den Kopf. “Ist besser so”, war seine lapidare Antwort. Die Leiterin des Hauses sei eine alte Genossin, beruhigte er mich.
    Er starb, hochbetagt, 1993. Ich grüße dich, Henry, ich habe viel von dir gelernt.

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