Café Perdoni

Wer sich für fortschrittlich hielt, Drogen nahm, politisch aktiv war, antiautoritär und links natürlich, etwas anderes zählte nicht, progressive Musik hörte, ging ins Marchioni in der Leinstraße. Dort trafen sich diese Szenen in rauchgeschwängerter Luft, es war immer voll, in der Musikbox gab es auch Hendrix, Zappa, Janis Joplin oder “Who Do You Love” von Quicksilver Messenger Service.

Das Café von Ricco Perdoni nur vier Häuser weiter an der Ecke Carl-Schütte-Straße, vielleicht wäre ich nie hingegangen, aber als ich eines Mittags zum Bahnhof ging, erst noch gemeinsam mit Steffi und Rex, dann ein paar Meter bis zur Parkstraße allein mit Conny, und sie strahlte, ja, himmelte mich so unverschämt mit leicht geneigtem Blondkopf an, daß ich Mut faßte und sie um ein Treffen am nächsten Nachmittag bat. Zu Marchioni wollte sie nicht, da seien zu viele Leute, die uns kannten, blieb das Perdoni, da konnten unsere feuchten Hände halbwegs unbeobachtet zueinander finden. Wir trafen uns von diesem Tag an regelmäßig dort, erst nachmittags ein- oder zweimal in der Woche allein miteinander, dann, als sie mit Andreas Schluß gemacht hatte und nichts mehr verheimlicht werden mußte, fast täglich nach der Schule. Der Kreis erweiterte sich, blieb aber bis zum Schluß begrenzt auf Schüler der Klasse 12 ml der Albert-Schweitzer-Schule, Gymnasium für Jungen, Manni, Andreas, Moppel, Heiner, ich, und Schülerinnen der Klasse 11 a der Hindenburgschule, Gymnasium für Mädchen, Conny, Sabine, Steffi, Inge, Christine, Anke, beide Schulen nur getrennt durch den Stadtgraben und gegenseitig nur mit Passierscheinen betretbar.

Unser Stammtisch blieb der große runde Tisch hinten links in der Ecke, an den sich Conny und ich bei unserem ersten Rendezvous gesetzt hatten, so gut wie uneinsehbar von der Theke und den anderen Tischen im vorderen Teil, besser zu sehen von den Tischen im Gang der nach rechts abging, aber die waren höchstens am Wochenende besetzt. Die Leute auf Straße konnten wir durch das riesige Fenster gut beobachten, was uns dazu verleitete, mit der Beaulieu, die wir uns bei einem nächtlichen Abenteuer aus der Schule besorgt hatten, versteckte Kamera zu spielen. Wir legten rohe Eier auf den Gehsteig, immer nur eines auf einmal, und filmten die Passanten. Die meisten ignorierten die Eier, einige wichen ihnen vorsichtig aus, zwei warfen die Eier auf die Straße und erfreuten sich daran, wie sie zerplatzten, ein Mann hob das Ei auf, betrachtete es eingehend und mißtrauisch, sah sich verstohlen um, legte es vorsichtig auf den Gehsteig zurück, eine Frau mit einem Einkaufskorb hob das Ei auf und legte es in den Korb, als sei es das Selbstverständliche der Welt, rohe Eier auf dem Gehsteig zu finden, acht Minuten später auf dem Rückweg legte sie auch unser letztes Ei in ihren Korb, wieder ohne eine Miene zu verziehen.

Ricco Perdonis Vater Antonio war 1904 als Fünfundzwanzigjähriger nach Deutschland gekommen, hatte es als Terrazzoleger zu einigem Wohlstand gebracht und in den 1930ern sein Eiscafé eröffnet. Ob Ricco noch Terrazzo verlegen konnte oder nur Eis machen, müßte eigentlich mein Schwiegervater wissen, aber der lebt nicht mehr, die Geschäfte liefen jedenfalls längst nicht mehr so gut wie zu den Glanzzeiten.

Laila, nur die eine Nacht erwähle mich
Küsse mich und quäle mich
Denn ich liebe nur Dich
Oh Laila

Im Café Perdoni gab es keine Musikbox, nur um die Ecke auf einem Regal einen Plattenspieler und ein paar alte Schlagerplatten. Wenn der alte Perdoni nachmittags anwesend war und wir lange genug bettelten: “Die verbotene Platte, bitte, die verbotene Platte”, legte er “Laila” von Bruno Majcherek & Die Regento Stars auf, 1961 42 Wochen an der Spitze der Hitparaden, von vielen Radiosendern boykottiert und zeitweise auf dem Index, und wir sangen den Refrain mit.

Riccos Frau, Vorname vergessen, größer als er, blond, hochtoupiert, eine stolze, warmherzige Erscheinung, war fast immer anzutreffen, während er oft seinen Hut vom Ständer nahm, aufsetzte, an die Krempe tippte und sich mit diesem leichten Gruß zum Plausch mit seinen italienischen Kollegen aufmachte.

Am Wochenende, nur selten in der Woche, war da noch Rita, dunkelhaarige, klein, mollig, allein, die Bedienung, die ein trauriges Geheimnis umgab. Einst war sie sehr kurz Riccos Freundin, doch wie der “Spiegel” Nr. 51 von 1951 zu berichten wußte, war ihre dritte große Liebe, der Paketbombenattentäter Erich von Halacz, ihr Schicksal, er wurde kurz vor ihrer Verlobung verhaftet und auch ihr falsches Alibi konnte ihn nicht mehr retten.

Im Café Perdoni bediente die heute 19jährige Rita Biermann aus der Karl-Schütte-Straße, gegenüber dem Gaswerk. Mitte August 1951 sprach Erich das Mädchen zum ersten Mal: “Na, Sie kleines Biest, bringen Sie mir mal ”ne Tasse Kaffee.” Diese Anrede von Halacz gefiel ihr: “Es war so etwas anderes als sonst.” Und als er noch sagte: “Wann treffen wir uns”, verabredete sie sich gleich nach Dienstschluß für den selben Abend. Rita: “Es war Liebe auf den ersten Blick.”

Es war nicht die erste Liebe auf den ersten Blick der 19jährigen Rita. Ihre erste große Liebe war ein Lebkuchenfabrikant. Rita war nach ihrer Volksschulzeit zwei Jahre im Haushalt gewesen und reiste dann mit Verwandten, die Schausteller waren und auf den Jahrmärkten der Umgebung Süßigkeiten verkauften, durch Norddeutschland. Der Lebkuchenfabrikant immer mit. “Ja, wir hatten uns sehr gern.” Rita war 16 Jahre alt.

Ihre zweite große Liebe war (“Nach einem Intermezzo mit Eiskonditor Perdoni”) der Sohn eines Möbelfabrikanten. Rita: “Es war Liebe auf den ersten Blick.” Aber die Eltern waren dagegen. “Als ich einsah, daß es keinen Zweck mehr hatte, machte ich Schluß.”

Die dritte große Liebe war von Halacz. “Ich habe eben immer Pech mit meinen Männern.”

Erich nannte Rita “Baby”. Sie erzählt, daß er immer nett zu ihr war, so schön lachen konnte und immer viel erzählte. Rita, keine Leuchte des Geistes, sah in dem charmanten jungen Adligen den Mann, der sie zu dem “erstrebten Höheren” führen würde. Wenn sie abends durch die Straßen bummelten, sagte von Halacz ihr, daß sie nur noch Pelze und große Abendkleider tragen würde. “Du sollst es gut bei mir haben.”

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ARD-Dokumentation “Post vom Tangojüngling”

Manchmal half auch die Tochter aus, Eva Maria Bianca Pia, rothaarig, stolz wie ihre Mutter, die auch wie Conny, Sabine, Steffi und Inge in die 11a ging und nicht verstand, wie wir uns in dieser Wohnzimmeratmospäre bei ihrem reaktionären Vater und seinen schrecklichen Schlagerplatten wohlfühlen konnten. Sie selbst ging nur ins Marchioni. Ihre Eltern hielten sie sehr streng und wehe, sie hätten jemals erfahren, daß sie manchmal nachts Herrenbesuch empfing, ich weiß es nur von Ahab, der zu den Auserwählten gehörte, die sich über den Hinterhof und eine Leiter in ihr Zimmer schleichen durften.

Als wir dann 1970 das Abitur geschafft hatten, feierten wir das Ereignis in größerer Runde im Café Perdoni, ließen die Sektkorken knallen, Ricco mußte “Laila” auflegen, waren ausgelassen, bis dann plötzlich meine Mutter auftauchte, einen Brief in der Hand, der gerade angekommen war, vom Kreiswehrersatzamt, meine Einberufung, und zumindest meine Stimmung auf den Nullpunkt sinken ließ.

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One Response to Café Perdoni

  1. Heidorn says:

    Hallo Peter, du bist der sportliche, wild entschlossen schauende oberhalb von Heinfried. Und wo bin Ich?
    Auf der Suche nach Eva Perdoni bin ich auf deine Geschichten gestoßen. Weißt du wo Enricos Tochter geblieben ist?
    Beste Grüße Gerhard

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