Lüttje Lage und Tilittentittitt

Szene aus dem 2. Kapitel des Romanversuchs „Potemkinsche Hunde“

Bei der ersten Lage stellte ich mich noch ungeschickt an, der Korn schoß über das Bierglas hinaus auf mein Kinn und tropfte dann weiter aufs Hemd. „Korn macht keine Rotweinflecken.“ Volker war obenauf, weil er im Gegensatz zu mir die erste Lüttje Lage seines Lebens – ob’s stimmte? – hinunterbekam, ohne einen einzigen Tropfen zu verschwenden. „Wer in unserer Stadt heimisch werden will“, tönte scheppernd der dicke Schröder, der uns von unserer Zettelwirtschaft weg auf dieses Festzelt gelockt hatte, und lockerte seine Schützenkrawatte, „der muß das wenigstens einmal mitgemacht haben, beides, die Lüttje Lage und den Tilittentittitt, auch wenn ihm“, und dabei fixierte er mich, „als Achtundsechziger solche Vergnügungen als niedrig und wenig klassenbewußt erscheinen.“ Milder Tadel und milder Spott paarten sich in seinem Blick. Ich ersparte mir eine Erwiderung, eine politische Auseinandersetzung, ein regelrechtes Streitgespräch gar, wollte ich unbedingt vermeiden, das mußte hintan stehen zugunsten unserer Feldforschungen – zunehmend allein meiner, Volker hielt die Recherchen wohl nur für einen großen Spaß und schien sich wie Fritz langsam zurückzuziehen – um das Hotel und seinen seltsamen Bewohner.

Schröder orderte noch eine Runde: „Mach nochma‘ vier, Herbert“, zu dem Langen mit der Halbglatze hinter der Theke. Vier, weil außer ihm, Volker und mir auch noch Göbber zu unserer kleinen Thekenrunde gehörte, seinen ständigen Sparkassenfilialleiteranzug, mit dem er Kollegium und Schülern suggerieren wollte, er verstünde außer Deutsch und Geschichte auch noch etwas von Wirtschaft, hatte er an diesem Abend gegen das Schützengrün getauscht. „Sie zahlen natürlich, Walther. Wenn Sie es dann können, übernehmen wieder wir beide“, womit er Schröder und sich meinte: „Einverstanden?“ „Ja, ja“, knurrte ich und fügte mich ins Unvermeidliche. Von seiner Beurteilung, hauptsächlich, die anderen würden sich nach ihm richten, hing mein weiteres Schicksal ab, die Lehrprobe am nächsten Morgen in der der dritten Stunde. „So ist gut.“ Er hieb mir kräftiger als notwendig auf die Schulter.

„Schauen sie“, dozierte jetzt Schröder:“ Das Bierglas nehmen Sie mit Daumen und Zeigefinger. So. Das Schnapsglas klemmen Sie, zack, so hier zwischen Ringfinger und Stinkefinger, schräg, noch schräger, ja, so, oben muß es leicht rüber gucken, und dann mit Eleganz hinunter“, er sprach es aus wie „Elejanz“, aufsteigend, „es darf erst im Mund zusammenfließen.“ „Auf Kommando: Zack!“ Bei mir ging wieder etwas daneben, aber weniger als beim ersten Mal, und kleckerte auf die Brusttasche. „Noch einmal. Noch ‘ne Lage!“ „Nehmen Sie’s nicht krumm, Walther, so lernen Sie am schnellsten.“ „Und zur Belohnung erzähle ich Ihnen dann was über dieses sogenannte Hotel und über dieses Rumpelstilzchen. Ich nehme an, Sie sind deswegen hier und nicht wegen der Folklore oder weil wir so nette Menschen sind.“ Das half. Beim dritten Versuch klappte es endlich und ich bekam die Lüttje Lage vorschriftsmäßig hinunter.

Acht Runden folgten, die sich Schröder und Göbber teilten. Volker blieb weiter unbehelligt. Ich rechnete. Elf Gläser Lüttje-Lage-Bier, macht eins Komma eins Liter, das sind bei 3 %, mehr hat das Zeug nicht, 33 Milliliter Alkohol, plus elf Lüttje-Lagen-Korn, 32 Vol %, macht 11 Zentiliter Schnaps mit 35 Milliliter Alkohol darin, summa summarum nach Adam Riese 68 Milliliter Alkohol, auf sieben Liter Blut verteilt, wenn tatsächlich alles aufgenommen wurde, neun Komma sieben Promille, gut, ein wenig war auf die Hemdbrust geraten, sagen wir neun Promille, aber so besoffen fühlte ich mich bei weitem nicht. Irgendetwas stimmte nicht an meiner Rechnung.

Ich sollte nicht mehr auf den Fehler kommen, denn Schröder dröhnte in meine Überlegungen: „Und Sie wollen auch an dem Rennen teilnehmen?“ „Das ist doch nichts für Sie. Für solche Späße sind Sie doch schon zu alt.“ Volker und ich blickten uns verständnislos an. „Rennen? Welches Rennen?“ „Wir wissen von keinem Rennen.“ „Na, das allabendliche Rennen um Gisela in diesem Hotel.“ Schon wieder Gisela. Die Rivalin von Frau Handwerk. „Da geht man nicht rein. Allerhöchstens demonstriert man draußen auf der Straße vor dem Hotel. Wenn die NPD da mal wieder ihren Parteitag abhalten will.“ „Das war übrigens die einzige Demonstration, die es je in unserem Städtchen gab, fragen Sie den Kollegen Göbber.“

„Uns geht es nicht um Gisela“, Volker wieder, „wir sind glücklich verheiratet, beide.“ „Als ob das dabei eine Rolle spielt.“ Schröder und Göbber lachten los, prusteten, schlugen sich gegenseitig auf die Schultern, Bier und Korn in ihren Gläsern schwappten über, klatschten auf die Planken des Zeltbodens, vermengten sich dort statt in den Kehlen und versickerten schnell in den Ritzen. „Ernsthaft“, setzte Volker nach, „und um das Lokal auch nur am Rande, weil, dieser Mensch, der Typ im Kamelhaarmantel, der stand neulich davor, als käme er geradewegs aus der Zeit vor dem Wirtschaftswunder und hätte den Rest der 50er und auch die 60er und 70er übersprungen.“ „Genau“, meldete ich mich, „über den wüßten wir gern mehr.“ „Alles“, bekräftigte Volker, „alles!“ „Jau!“

„Alles? Hm? Rein vom Hörensagen könnten wir Ihnen so dies oder das erzählen, hochinteressante Dinge, aber wir waren nie selbst da.“ Schröder zeigte auf einen dunkel gelockten jungen Mann, vielleicht neunzehn oder auch schon zwanzig, sein schwarzes Sweatshirt mit Buttons gegen Atomkraft, Krieg und Nachrüstung und für die Liebe übersät, der sich am gegenüberliegenden Rand der Tanzfläche heftig mit drei jungen Damen unterhielt: „Im Gegensatz zu Ansgar, der geht dort ein und aus.“ „Unser Ansgar“, Göbber vergnügt in sich hineinlächelnd, „der hat letztes Jahr bei mir Abitur gemacht, Zweierschnitt. Um den Bund ist er rumgekommen durch einen ganz und gar durchtriebenen Auftritt bei der Musterung.“ „Ja, ja, köstlich, köstlich, das müssen Sie unbedingt erzählen“, unterbrach ihn Schröder. „Ich bin doch dabei. Also. In den vier Wochen vor der Musterung hat er sich täglich Einstiche gemacht, nur mit der Kanüle, in die Armvenen links und rechts, in der letzten Woche davor abwechselnd Aufputsch- und Beruhigungsmittel genommen und sich so komplett um den Schlaf gebracht. Wir hatten uns schon Sorgen um ihn gemacht, weil er im Unterricht überhaupt nicht mehr mitkam. Bei der Musterung war er dann totenbleich und übermüdet und hat mit den Händen die Arme zugehalten, als wolle er etwas verbergen. Zeitsoldat wolle er werden, Offizierslaufbahn, hat er noch behauptet und sich erst geweigert, seine Arme vorzuzeigen, schamhaft, der Lump. Auf die Einstiche angesprochen, die waren ja nicht zu übersehen, nein, er nehme keine Drogen, ganz empört über die Unterstellung. So können wir Sie nicht gebrauchen, hätten sie zum Schluß zu ihm gesagt, machen Sie zuerst etwas gegen Ihre Sucht, wenn Sie nachweislich clean sind, können Sie sich wieder bei uns melden.“ Er bestellte noch eine Runde: „Reden macht durstig, Prost!“ Dieses Mal ging bei ihm etwas daneben. „Aber was macht unser Ansgar mit der gewonnenen Zeit? Gar nichts. Zu einem Studium kann er sich nicht entschließen, mal neigt er zur Sinologie, weil es dort Pinselübungen gibt, mal zur Theologie, weil man als Pastor nur sonntags arbeiten müßte, Betriebswirtschaft zu studieren und die Brennerei des Vaters zu übernehmen, das lehnt er vollkommen ab, wegen der Ausbeutung, sagt er. Er fährt nur den ganzen Tag in der Gegend herum, stellt meinen Schülerinnen nach und ist fast jeden Abend in Korffs Hotel zu finden. Er ist der Experte.“

„Ansgar!“ Schröders Bass dröhnte über die Tanzfläche: „Ansgar, kommen Sie mal hierher!“ Ansgar setzte sich in Bewegung, mußte seinen linken Arm aber erst aus den Händen der kleinen Blonden winden, die ihm erst nachschmachtete und dann wütend mit dem Fuß aufstampfte. Da war er aber schon bei uns an der Theke und nahm die Bestechungslage entgegen, die Göbber vorsorglich bestellt hatte. „Jetzt zeigen Sie mal, wie gut Sie schon trinken können.“ „Ganz hervorragend kann er das schon, und jetzt noch eine Runde auf mich. Fünf, Herbert!“

„Kommen wir zur Sache, Ansgar. Diese beiden hier, die sind jetzt Referendare bei uns und wollen alles über Korffs Hotel und über Rumpelstilzchen wissen. Aber erst einmal klären Sie sie bitte über Ihre Gisela auf.“ Ansgar wurde rot: „Das ist nicht meine Gisela, wie kommen Sie darauf?“ „Wenn er es nicht selbst erzählen mag, dann machen wir es eben, nicht wahr, Kollege Schröder?“ Der nickte. „Er gehört ja zu ihren Günstlingen, nicht wahr, Ansgar? Zu den Auserwählten, weil Sie so jung und attraktiv sind und ein Auto haben, deshalb dürfen Sie Gisela manchmal nach Hause fahren, geben Sie’s zu!“ Ansgar lief noch heftiger rot an als eine halbe Minute vorher. „Passen Sie auf“, an Volker und mich gewandt: „Wenn Gisela Thekendienst hat, sie ist die Schwester der Wirtin, müssen Sie wissen, bleiben die Gäste, die an ihr interessiert sind, bis zum Schluß und umlagern die Theke.“ „Kollege Göbber, Sie wissen ja bestens Bescheid.“ „Nur vom Hörensagen, nur vom Hörensagen, der junge Mann kriegt den Mund doch nicht auf. Also, wenn Gisela Dienst hat, bleibt die Horde bis zum Schluß und bringt mächtig Umsatz, weil, äh, weil sie immer einen von denen erwählt und ihm, äh, ihre Gunst gewährt, nicht wahr, Ansgar? Und das sind sehr oft Sie, geben Sie’s zu. Sie sind doch schon beobachtet worden, ja, da müssen Sie vorsichtiger sein, denn hier haben die Wände Ohren und die Zäune Augen, die Zäune, Ansgar, die Zäune“, und hier wurde Ansgar kreidebleich, „ja, glauben Sie denn, die Geschichte mit dem Zaun hätte sich nicht rumgesprochen? Sie haben sie doch besoffen nach Hause gefahren und dabei den Jägerzaun angefahren und dann haben Sie einen Brief von Giselas Mann gekriegt, der ist auch Schützenbruder, wissen Sie, in dem er Schadenersatz fordert für den demolierten Zaun. War doch so, Ansgar? Sehen Sie, hier bleibt nichts verborgen in unserer kleinen Welt.“ „Außerdem“, er kippte die nächste Lüttje Lage hinunter, „außerdem sind Sie beobachtet worden, wie Sie eingestiegen sind mit Gisela, und kaum fünfzehn Sekunden später hat Ihr Wägelchen schon gewackelt, aber Heidewitzka, noch auf dem Parkplatz bei Korffs Gasthaus. Sie sind wohl einer von der besonders schnellen Sorte, Ansgar?“ Dessen Gesichtsfarbe wechselte wieder ins Verlegen-Rote: „Aber das bin nicht ich, sie ist immer so gierig, das können Sie sich gar nicht vorstellen, so richtig zitternd gierig.“ „Erzählen Sie das Ihrem Klempner“, Schröder: „Ihr Testosteron schießt über, das ist alles, sieht man ja schon mit bloßem Auge.“

„Das ist ja alles hochinteressant aus zwischenmenschlicher Sicht“, drängte ich mich endlich ins Gespräch, „aber wir wollen mehr über den Kauz im Kamelhaarmantel erfahren, wie nennen Sie den noch mal, Rumpelstilzchen?“ „Ja, Rumpelstilzchen“, Ansgar war sichtlich froh über den Themawechsel: „Der hat da ein Zimmer gehabt.“ Jeden Morgen sei er runter in die Gaststube, das habe Ansgar aber selbst nicht gesehen, er gehe ja nur abends hin, wenn Gisela bedient, aber auch nicht jeden Abend, und nach dem Frühstück sei Rumpelstilzchen immer sitzen geblieben, immer am selben Tisch, immer auf demselben Stuhl, habe den ganzen Tag fast nur Kaffee und Cognac getrunken, manchmal Mineralwasser, nie Bier, zwischendurch Mittagessen und am Nachmittag Butterkuchen, „immer nur ein Stück“, kein Wort gesprochen, auch nicht bei Bestellungen, „alles mit Handzeichen“, aufgestanden sei er nur, um aufs Klo zu gehen, und jeden Abend um Punkt elf wieder nach oben verschwunden, Tag für Tag.

Rumpelstilzchen habe man ihn schließlich genannt, weil es einmal einem aus der Pokerrunde zu bunt geworden sei: „Sag mal, wie heißt du eigentlich?“, aber der Angesprochene habe Kalli, so hieß der Pokerspieler, nur stumm mit unbewegtem Gesicht angeschaut. „Kann der Kerl sein Maul nicht einmal aufmachen?“ Dann habe Kalli „Faxen gemacht“ und sei „wie ein Derwisch“ vor dem Schweiger herumgehüpft: „Ach, wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß, was?“ Daraufhin sei der so Angesprochene aufgestanden, habe Kalli eine kurze trockene Gerade aufs Kinn gesetzt, „nur ein einziger Schlag“, und der sei k.o. gegangen. Seitdem habe niemand mehr das Rumpelstilzchen angesprochen.

„Und jetzt wohnt er auch nicht mehr da, seit dem Vorfall mit der Gräfin.“ Gräfin? O Gott, jetzt tauchte auch noch eine Gräfin auf, die Geschichte wurde immer undurchsichtiger. „Erzählen Sie!“

Aber in diesem Moment stürmten zwei der blutjungen Damen, mit denen Ansgar vor unserem Verhör herumgestanden hatte, kreischend auf uns zu, ergriffen ihn und schleppten ihn zur Tanzfläche. „Tilittentittitt“, rief Schröder, alle in Deckung, jetzt wird’s gefährlich!“ Auf der Tanzfläche bildeten sich noch mehrere solcher Formationen, jeweils ein Mann und zwei Frauen, die sich bei ihm einhakten und mit ihm um ihn herumwirbelten, daß einem schon schwindelig vom Zusehen werden konnte, dabei wurde gekreischt und gejuchzt, die Musik wurde schneller und schneller, die Dreigespanne immer lauter und taumeliger, bis am Ende alle zu Boden stürzten und im Knäuel durcheinanderpurzelten. Mühsam rappelte sich Ansgar auf und zog seine beiden Partnerinnen hinter sich her zu uns an die Theke. „Hallo, Anja, hallo, Martina“, begrüßte Göbber sie: „Kommen Sie zu uns, hier beißen wir nicht, nur im Unterricht.“

„Lüttje Lage, sieben“, bestellte ich und als die Halbglatze hinter dem Tresen, Herbert hatte Schröder ihn gerufen, die Hand ans Ohr hielt, streckte ich ihm meine Linke hin und den kleinen plus Ringfinger der Rechten dazu. „Nein, danke, für uns nichts mehr“, Anja, die Blonde, „und für Ansgar auch nichts mehr, der muß uns noch nach Hause bringen.“ „Das machst du doch gern, nicht wahr“, die kleine Dunkelhaarige, Martina, wenn ich mich recht entsinne, „wir sind auch ganz lieb zu Dir.“ „Nichts da. Der muß uns noch eine Menge erzählen vom Rumpelstilzchen und der Gräfin. Diese Runde auf jeden Fall noch.“ „Sie wollen doch meine Schülerinnen nicht abfüllen, Walther, die sind doch kaum sechzehn.“ Als ob mich die beiden Mädchen interessierten oder ihr Alter, ich sah in diesem Augenblick nur meine Felle davonschwimmen, eine solche günstige Gelegenheit, Informationen zu sammeln, konnte ich doch nicht einfach verstreichen lassen. „Ach was, einer geht noch, keine Widerrede“, wischte ich Göbbers Einwand vom Tisch: „Da kommen sie doch schon.“ „Laß das, Peter, jetzt überschreitest du aber Grenzen.“ Jetzt war Volker endgültig gegen mich. „Für Lüttje Lagen lassen die beiden Schönen hier bestimmt nicht von Ansgar ab, da müssen Sie sich schon was Besseres einfallen lassen“, lachte Schröder blechern und kippte blitzschnell nicht nur seine Lage, sondern auch noch die der beiden jungen Damen hinterher. Ansgar konnte seine gerade noch vor ihm retten. Daß er sie überhaupt getrunken hatte, nahm ich als gutes Zeichen für seine Auskunftsbereitschaft.

„Kommen Sie doch alle drei mit zu uns, wir wohnen hier gleich um die Ecke“, schlug ich jetzt vor, „Sie können da übernachten, alle in meinem Bett, ich schlafe auf dem Küchensofa. Alkohol ist auch noch da.“ Ich dachte dabei an die beiden Kruken Montepulciano D’Abruzzo: „Na, ist das kein Angebot?“

Volker schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn: „Wohin soll denn das jetzt führen?“ „Der pädagogische Eros“, stimmten Schröder und Göbber einen Kanon an: „Der pädagogische Eros, jetzt hat er auch unseren Walther erwischt, der pädagogische Eros.“ „Mit Minderjährigen“, Schröder in meine Richtung: „Quartett im Bett!“ „Das ist eine harmlose Komödie aus den 60ern, kein Sexfilm“, wehrte ich mich, „mit Insterburg & Co und den Jacob-Sisters.“ „Ein Glück, Walther, daß Sie nicht Mathematik geben müssen, viermal Insterburg plus viermal Jacobs“, Göbber zählte an den Fingern ab: „Das sind zusammen acht im Bett.“ „Neun“, Volker triumphierend: „Neun, Andrea Rau ist auch dabei. Von oben bis unten nackig! Doch ein Sexfilm. Ha!“

„Ich schlafe doch in der Küche. Ganz allein auf dem Sofa. Da spielt sich nichts ab.“ „Trotzdem“, Göbber in diesem widerlich dozierenden Ton, obwohl er schon mehr als betrunken war: „Das ist Förderung der Unzucht, Zuhälterei, das war vor ein paar Jahren noch strafbar, zwei Jahre Zuchthaus für Eltern, die ihren unverheirateten Kindern erlaubten, mit Freund oder Freundin gemeinsam zu übernachten.“ „Machen Sie sich nicht unglücklich, Walther“, stimmte Schröders Bass in den Chor ein. „Denken Sie an Ihre Lehrprobe morgen früh“, Göbber scharf.

Ansgar sagt nichts, die beiden Mädchen drückten sich an ihn, Martina links, Anja rechts: „Laß uns gehen, schnell.“ Wenn ich in dieser Nacht, noch irgendetwas erfahren wollte, mußte ich jetzt eingreifen: „Sie wollen doch wohl nicht mehr fahren, Ansgar, besoffen, wie Sie sind?“ Die beiden zupften ungeduldig an seinem Ärmel. „Anja. Martina. Geben Sie doch die Hoffnung auf. Da spielt sich sowieso nichts mehr ab bei ihm heute. Untenherum.“ Ansgar setzte sich in Richtung Ausgang in Bewegung. „Halt! Sie können doch jetzt nicht gehen und mich in Unwissenheit über die Gräfin zurücklassen. Los, kommen Sie!“ Ich nahm ihn bei der Hand, zog ihn hinter mir her aus dem Zelt, die beiden Mädchen im Schlepptau hinterher.

Volker hob resignierend-beschwörend beide Hände: „Er lernt es nicht mehr“ und drehte sich zur Theke um: „Drei, Herbert. Hier kann man was erleben. Das glaubt mir in Braunschweig niemand.“

Ich lotste die drei in unsere Küche und holte eine der beiden Kruken Montepulciano D’Abruzzo aus der Ecke und vier Wassergläser aus dem Schrank, aber die beiden Mädchen wollten nichts davon wissen: „Wo ist das Bett?“ Sie zerrten Ansgar hinter sich her und legten ihn darauf, ich seufzte und schloß die Tür. Dann setzte ich mich an den Küchentisch, goß mir ein Glas randvoll und breitete die Karteikarten vor mir aus. „Rumpelstilzchen“, „Gisela“ und „Jägerzaun“ waren schon vorhanden, jetzt nahm auch die Geschichte dazu Konturen an, „Gräfin“ fehlte noch, ich notierte das Wort fein säuberlich in Blockbuchstaben auf eine jungfräuliche Karte: „GRÄFIN!“ Ein Ausrufezeichen dahinter, denn es schien eine wichtige Figur in diesem Spiel zu sein. Dann schob ich diese Karte auf dem Tisch hin und her, versuchte, sie in Beziehung zu den anderen zu bringen, wußte aber leider noch zu wenig, ließ sie direkt neben „Rumpelstilzchen“ liegen und meditierte über dieses Bild, während ich in langsamen Schlucken den Rotwein trank, das erste Glas und zwei Drittel von einem zweiten.

„So geht das nicht, Peter!“, schreckte mich Volker auf und stürmte sofort in mein Zimmer. Ansgar war halbnackt eingeschlafen, Hosen und Unterhosen hingen ihm in den Kniekehlen, Anja hing schlafend an seinem Hals, Martina an seinem linken Knie, beide vollständig bekleidet. „Schluß jetzt! Das ist doch kein Puff hier.“ Volker riß die beiden Mädchen hoch: „Ich fahre euch jetzt nach Hause. Keine Widerrede!“ Im Halbschlaf taumelten sie hinter ihm her. Als ich die beiden Handtaschen auf dem Flokati entdeckte und eilig nachbrachte, war Volker mit ihnen schon auf der halben Treppe. „Wo wohnt ihr eigentlich?“

Auf dem Rückweg kam mir Ansgar entgegen: „Ich geh jetzt wohl auch besser, ich hab’s ja nicht weit.“ „Warten Sie, warten Sie, ich komme mit.“ Ich griff mir den D’Abruzzo und eilte hinter ihm her: „Unterwegs können Sie mir ja die Geschichte mit der Gräfin erzählen.“ Ich reichte ihm die Flasche: „Nehmen Sie erst mal ‘n Schluck zur Stärkung.“ Er trank im Gehen aus der Riesenflasche, ohne einen einzigen Tropfen zu verschwenden. Nach hundert Metern setzten wir uns auf eine Bank. Ich setzte die Flasche im Sitzen an, der Wein lief mir an den Mundwinkeln vorbei und tropfte auf mein Hemd. Ich beachtete den Fleck nicht, denn Ansgar fing an zu erzählen.

Er habe das nur von Gisela und nicht selbst erlebt, sie sei sehr gesprächig, wenn sie „nach der Liebe“ noch ein wenig in seinem Auto säßen und sich eine Zigarette teilten. Vor etwa zwei Wochen quartierte sich eine Frau im Korffs ein, knapp fünfzig vielleicht, mit Farah-Diba-Frisur und „altmodisch angezogen, so Kellnerinnenbluse“, die sei dann zum Frühstück runtergekommen, Gisela habe ausnahmsweise mal Frühdienst gehabt, Rumpelstilzchen, also, Gisela habe nach dieser Szene neugierig nachgeschaut, als „Steininger“ habe der sich da eingetragen, ziemlich bayrisch der Name, obwohl er ja norddeutsch klang, und, „jetzt kommt’s“, als die sich sahen, seien sie furchtbar erschrocken gewesen, beide, Rumpelstilzchen, also Steininger, auf jeden Fall. Und dann ein Gestammele: „Mein Graf.“ „Verehrteste.“ „Was machst du hier?“ „Ich habe dich gesucht.“ Eine Minute Stille. Er habe sich gesetzt und sehr unglücklich dabei ausgesehen, unglücklich und verärgert zugleich. Dann sie zu ihm: „Du bist raus, hat mir Ricco erzählt, schon lange, und jetzt mit einer anderen zusammen. Warum weiß ich nichts davon? Wir gehören doch zusammen.“ Sie sei dann an seinen Tisch und habe mit ihm gefrühstückt, sie hätten aufeinander eingeredet, flüsternd, man habe nichts verstehen können, sie vorwurfsvoll, er abwehrend. Plötzlich wurden sie wieder so laut, daß man alles mitbekam. „Das kannst Du mit mir nicht machen, was ich alles für dich gemacht habe, gelogen, meine Unschuld hingegeben, hast du das alles vergessen? Das Alibi und alles?“ Und er: „Hat es denn was genützt? Nein, du warst mir keine Hilfe. 23 Jahre mußte ich absitzen, 23 Jahre.“ Dann sei er aufgestanden: „Das ist nicht gut, daß du mich finden konntest, gar nicht gut. Dann muß ich wieder weiterziehen. Ohne dich, damit das klar ist.“ Er habe dann sofort seine Rechnung verlangt und sei ausgezogen, sie sei noch eine Stunde weinend am Frühstückstisch sitzen geblieben, habe aber nichts mehr angerührt und auch ihre Rechnung verlangt.

Ansgar verstummte und blieb einige Minuten bewegungslos und vor sich hin schweigend sitzen. Dann nahm er noch einmal einen langen Schluck, stand auf und torkelte ohne Abschiedsgruß davon. Sein Bericht hatte einen Berg neuer Fragen aufgeworfen und ich sah keine Chance, sie zu beantworten. Für welches Verbrechen wurde er 23 Jahre eingesperrt? Welchen Anteil hatte sie an seiner Tat oder an seinen Taten? Ja, wenn Steininger sein wirklicher Name wäre, dann könnte man das leicht herausfinden. Aber sie nannte ihn „Graf“ und er wollte nicht gefunden werden. Vielleicht hatte wenigstens sie sich unter ihrem richtigen Namen eingetragen.

Ich wurde plötzlich furchtbar müde, die Augen fielen mir halb zu, die Flasche glitt mir langsam aus der Hand, schlug schräg auf den platt getretenen Boden mit seinen spärlichen lehmgepuderten Grashalmen auf, kippte nach rechts, der Flaschenhals prallte unsanft auf mein Kahnbein und der dunkelrote Abruzzenwein plätscherte auf meine braunen Wildlederschuhe und meine weißen Socken. Nein, creme, nicht weiß: creme.

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Hannoversche Presse

Jedesmal, wenn mein Vater mit einem Zeitungsfetzen, den ich noch nicht gelesen hatte, im Küchenherd Feuer machte, ergriff mich das traurige Gefühl, etwas sehr Wichtiges für immer und ewig verpaßt zu haben.

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Dorfgespräch

Unsere erste Rast legten wir kurz hinter Celle in einem Dorfgasthof links der Landstraße ein. Wir, das waren Ronald, unser Vorarbeiter in der Halle 52 bei Telefunken in Empelde, und ich, in diesem Sommer 1973 zu zweit auf seinem Moped, Zelt und Gepäck in einem Fahrradanhänger, unterwegs in den Urlaub an der Ostsee. Am Nebentisch saßen vier Männer zwischen fünfunddreißig und fünfzig und erzählten einem fünften vom letzten Schützenfest.

  • “Und als die neue Lehrerin hier reinkommt, steht er auf, holt seinen Lümmel raus und legt ihn hier auf’n Tisch.”
  • “As’n Hengst sien’, segg ich di, as’n Hengst sien’.”
  • “Ge-wal-tich!”
  • “Hier auf den Tisch. Neben den Teller.”
  • “As’n Hengst sien’! Sowas hast noch nich sehn!”
  • “Und sie: Verzieht keine Miene. Wird noch nich mal rot. Kuckt nur ganz kurz hin, lacht und geht weiter, als wär’ nix.”
  • “So wahr ich hier sitze.”
  • “Kein bißchen eingebildet oder etepetete. Die paßt hierher.”
  • “Was ‘ne Frau. Was ‘ne Frau. Prost!”
  • “Kuckt nicht so, da drüben, ihr zwei. Das stimmt alles. Wort für Wort.”

Wir glaubten ihnen und hätten auch noch gerne mehr von solchem Stoff gehört, aber wir mußten zahlen und weiter, weil wir es an diesem Tag noch bis Bad Oldesloe schaffen wollten.

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Sieben auf einen Streich

Meinem Bruder gelang es gerade noch, sich mit zwei Sprüngen auf den Bürgersteig zu retten. Ich blieb, warum, weiß ich auch nicht mehr, allein mitten auf der Kreuzung zurück, fand mich plötzlich von sieben Bullen umzingelt, die versuchten, mich festzunehmen, und führte den Tanz meines Lebens auf. Vorwärts, seitwärts, halbe Drehung, rückwärts, hampelnd mit pendelndem Oberkörper, ein Schlagstock traf mich am linken Arm, den Hieb auf meinen Bundeswehrstahlhelm nahm ich nur als Klingen wahr, ein Schlagstock traf rechts neben mir ins Leere, der Bulle verlor das Gleichgewicht und mußte den Sturz mit beiden Händen abfangen, seinen Kollegen stieß ich beiseite, dann war auch ich frei.

“Straße frei für die kommunistische Partei”, hatten wir gebrüllt, wild entschlossen, es an diesem 2. September 1972, einem Samstag, den Bonner Militaristen einmal richtig zu zeigen und die Bannmeile um die Olympischen Spiele zu durchbrechen. Es waren aber mehrere kommunistische Parteien, die zum “Roten Antikriegstag” aufgerufen hatten und sich gegenseitig diesen Anspruch streitig machten. Was uns an diesem Tag einigte, war der Kampf gegen die “neuen Kriegsvorbereitungen”, wir zogen Parallelen zwischen 1936 und 1972, die Münchener Olympiade spiele “in den finsteren Plänen Bonns eine wichtige Rolle. Den Völkern der Welt soll hier ein angeblich strahlendes, mächtiges, aber friedliebendes Westdeutschland vorgegaukelt werden.”

Am Karlstor sollte der Durchbruch erfolgen, die Demonstration verlief aber völlig chaotisch und undiszipliniert. So kam es nur zu vereinzelten Scharmützeln, bei denen wir natürlichen gegenüber dem massiven und bestens organisatierten Einsatz von Polizei und Bundesgrenzschutz den Kürzeren zogen. Zwei Dutzend Genossen wurden verhaftet und vor Gericht gestellt, “Schwerer Landfriedensbruch”, “Schwerer Widerstand gegen die Staatsgewalt”, “Schwere Körperverletzung” “Hochverrat”, “Verstoß gegen das Waffengesetz” lauteten die Anklagen. Der Überfall des “Schwarzen September” drei Tage später auf das Olympische Dorf, die Geiselnahme und das schreckliche Ende auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck wirkte sich auf die Prozesse aus und führte zu unverhältnismäßig harten Strafen. So wurde Bernd Reiser, nein, nicht mit Rio verwandt, der hieß mit bürgerlichem Namen ja Möbius, zu 12 Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt.

Ich aber war durch meinen Veitstanz diesem Schicksal glücklich entronnen, und nicht nur ich, es hatte auch niemanden aus unserem Bus erwischt. So konnte ich auf der Rückfahrt ungehemmt faseln, von besserer Organisation und Ausrüstung bei der nächsten Auseinandersetzung, von Schutzschilden und Kleidung aus Asbest auf unserer Seite, bis die anderen, die damals schon klüger waren als ich, mir das Wort abschnitten und mich aufforderten, die “Sache”, damit meinten sie die Revolution, doch endlich einmal politisch anzugehen und nicht bloß militärisch.

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Theo

“Weg mit der ZP Alte Geschichte”, “Boykott”, “Nieder mit der bürgerlichen Wissenschaft” war auf den Spruchbändern zu lesen, die den Flur im dritten Stock des Blauen Turms schmückten. Die Studentenmassen, die sich dort drängelten, Fachschaftsräte, Spontis, Genossinnen, Genossen, Sympathisanten und sogar Jusos, 26 von ihnen wurden hinterher vor Gericht gestellt, bildeten einen undurchdringlichen Wall vor dem Prüfungszimmer. Die Prüfungswilligen, eine Handvoll nur, die in einer Ecke eingeschüchtert beratschlagten, kamen nicht hinein, die Fachschaftsvollversammlung hatte es schließlich so beschlossen, Heuß, Botermann, Quaß, Gehrke, die Prüfer hinter der Tür wurden nicht herausgelassen.

Begonnen hatte es in einer dieser nächtlichen Sitzungen, die sich hinzogen wie Kaugummi, überquellende Aschenbecher, müde Gesichter, ellenlange folgenlose Herumkrittelei an den Zuständen im Fachbereich, ich hatte plötzlich die Idee: “Wir rufen den Streik am Historischen Seminar aus!” Alle waren zu schwach, zu widersprechen, wir legten sofort los, das Rotationspapier wurde auf dem Tisch ausgerollt, “Es reicht! Streik am Historischen Seminar! Sofort!”, in Rot mit dem dicksten Filzstift aufgemalt und im Erdgeschoß zwischen den Fahrstühlen aufgehängt. Wer am nächsten Morgen irgendetwas am Seminar zu erledigen hatte, mußte daran vorbei.

“So geht das nicht. In der Mittleren und Neueren Geschichte schon gar nicht!” Die Sponti-Fraktion des Fachschaftsrates, die bei dieser Nachtsitzung nicht dabei war, verlangte eine Vollversammlung. Auf der ließen wir uns herunterhandeln, auf ausschließlich die Alte Geschichte und auf eine einzige Aktion, den Boykott der Zwischenprüfung dort.

Flugblätter, ein Extrablatt der Fachschaftszeitung, Wandzeitungen, auf denen die Alte Geschichte als reaktionäre Wissenschaft angeprangert wurde, die Vorbereitungen liefen, plötzlich wurde ich zu einer Wehrübung einberufen, genau in der Woche, in der auch Prüfung und Boykott stattfinden sollten. Ich witterte schon eine Verschwörung, lief dann aber zu einem der Assistenten, Gehrke, der so sportlich war, mir eine Bescheinigung auszustellen, nach der ich in der Zeit der Wehrübung am Fachbereich “unabkömmlich” sei. Nun saß eben dieser Gehrke auch mit den anderen, mit Professor Heuß, Glowka-Botermann und Quaß hinter der Tür und ich gehörte zu denen, die ihn nicht hinausließen, Freiheitsberaubung, Nötigung hieß es später in der Anklageschrift.

Das Häuflein Prüfungswilliger hatte sich schon resigniert verzogen, jetzt drängte sich vom Fahrstuhl her Theo, zwölftes Semester, Bart, Brille, Anzug, durch das Gewoge und hatte die Hand schon an der Klinke, als ihm Clemens den Weg versperrte: “Boykott”, er deutete auf eine der Wandzeitungen, “das gilt auch für dich.” Theo verlegte sich aufs Betteln. Er sei darauf angewiesen, die Prüfung jetzt zu schaffen, er habe sogar schon zwei Hauptseminare besucht, beide erfolgreich, könne aber die Scheine dafür nicht bekommen und sich fürs Examen anmelden, wenn er nicht endlich diese Zwischenprüfung bestehe.

Die Botermann, “diese Ziege”, müsse man “einmal richtig durchziehen”, war er einmal zu Anfang des vierten Semesters über sie hergezogen, als man im Proseminar auf sie wartete, da stand sie aber schon direkt hinter ihm und niemand hatte ihn gewarnt oder ihm Einhalt geboten. Danach hatte sie dafür gesorgt, daß er elfmal durch die Zwischenprüfung fiel, eine mündliche Prüfung über das gesamte Gebiet der Alten Geschichte, keine Absprachen, keine Wahl oder Zuteilung eines Themas, keine Eingrenzung auf ein Teilgebiet, die Prüflinge sahen sich in einem Stuhlkreis vier Prüfern ausgeliefert und konnten nur hoffen, daß die nicht zu beharrlich in den Lücken herumstocherten. Eine Prüfungsordnung gab es auch nicht, nach der etwa die Zahl der möglichen Wiederholungen festgelegt gewesen wäre.

Wir beschlossen, Mitleid mit Theo zu haben und ihn als Opfer der Zwischenprüfung Alte Geschichte und lebenden Beweis ihres vollkommenen Willkürcharakters durchzulassen. Die Prüfer hatten auch Mitleid mit ihm und ließen ihn in seinem zwölften Versuch endlich bestehen.

Der auf mehrere Tage angesetzte Prozeß platzte, bevor die Anklageschrift verlesen werden konnte, weil der Staatsanwalt übersehen hatte, daß eine der Angeklagten, meine Freundin, noch unter das Jugendstrafrecht fiel. Man einigte sich blitzschnell auf eine Einstellung gegen Zahlung von 300 Mark, immerhin das BAföG für einen halben Monat. So kamen wir ohne Vorstrafe und Schaden für die Zukunft davon, die Althistoriker retteten ihre Prüfung für ein paar Semester und Theo konnte endlich sein Examen ablegen. Danach verschlug es ihn in meine Heimat an der Mittelweser, wo sich unsere Wege noch mehrmals, nein, nicht kreuzen, nur fast berühren sollten.

***

Geburtstagsfeier in diesem schmalen überaus renovierungsbedürftigen Fachwerkbau gegenüber vom Rathaus, unten Abstellraum für Transparente, Stangen, Stelltafeln und Freizeitzentrum, oben Wohnung und Freizeitzentrum, Holger zeigte stolz ein Paket herum, angeblich mit einem Commodore VC 20 darin, dem Volkscomputer, “eben von Twele geholt”, weigerte sich aber, das Gerät auszupacken, Samos und Dosenbier, den ganzen Abend die erste LP von Ideal, “Blaue Augen”, “Rote Liebe”, “Hundsgemein”. Ich langweilte mich, mochte auch das Zeug nicht trinken, im Zeitungsstapel links vom Sofa fand ich eine alte Ausgabe des “Blick”, ein Anzeigenblatt, das damals jeden Sonntag gratis verteilt wurde.

Auf der letzten Seite, angeblich der Kulturteil, ein Artikel über Theo, in dem er als Schriftsteller gefeiert wurde. “Eduard Meyer. Der Professor mit dem großen Herzen” hieß das Buch, das angepriesen wurde. Freilich kannte ich Eduard Meyer, jeder, der damals in Göttingen auf Lehramt studiert hatte, kannte ihn. Ede Meyer Jahrgang 1888, hatte seit 1933 in Heidelberg und Göttingen Philosophie und Psychologie gelehrt, nach 1945 die Entnazifzierung nicht geschafft und hielt zu meiner Zeit nur noch Proseminare ab, vor tausend Teilnehmern im größten Hörsaal des ZHG, weil man den Schein so leicht wie bei keinem anderen bekam und der Besuch zum Kult avanciert war. Einmal im Studentenleben mußte man es erlebt haben, wie er den Hörsaal betrat, seine Frau und seine Sekretärin, angeblich auch seine Geliebte, in gebührendem Abstand mit seinen beiden Aktentaschen hinter ihm, zum Pult schritt und sein Seminar zelebrierte, als sei er eine Pop-Ikone.

Kult, ja, aber “Professor mit dem großen Herzen”? Nur, weil man bei ihm den Schein nachgeworfen bekam? Für jemanden, dessen Karrierehöhepunkt im Dritten Reich gelegen hatte, fand ich es doch übertrieben, lachte laut und zeigte Karl-Heinz, dessen Bart damals noch nicht ganz die ZZ-Top-Länge erreicht hatte, den Artikel. Der mochte gar nicht lachen, vor allem nicht, als er hörte, daß es um Theo ging. Er griff in seine speckige Aktentasche und holte ein Flugblatt hervor, einen hektographierten Zettel mit der Überschrift “Hände weg von unseren Ärschen”. Theo war inzwischen Lehrer an der Hindenburgschule, dem Mädchengymnasium, hatte als Leiter der Foto-AG während der Dunkelkammerarbeit allzu engen Kontakt mit seinen Schülerinnen gesucht und dabei wohl auch ihre Hintern angefaßt. Im Flugblatt wurde gefordert, ihn aus dem Schuldienst zu entfernen, man hat ihn aber nur an ein anderes Gymnasium im Südkreis versetzt.

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Vier Jahre später an einem Montagmorgen im Stadtarchiv: Die Schreibkraft schien müde und mitgenommen und sah sich nicht in der Lage, schon vor der Frühstückspause die Bänder mit den Interviews abzuhören und zu übertragen, erzählte uns stattdessen einige Schnurren vom Schützenfest in Marklohe. Theo war auch da und hat sich nach Mitternacht schon ziemlich schwankend auf der Tanzfläche aufgebaut “Mein Herz ist nur für meine Frau da”, die kämpfte damals ihren letzten vergeblichen Kampf gegen ihren Krebs, “mein Schwanz aber für alle Frauen auf der Welt”, dabei mit der Linken gestikuliert und das Gleichgewicht gesucht, die Rechte auf die benannten Körperteile gelegt. Einige Männer grölten Beifall, einige Frauen quiekten belustigt, ansonsten blieb sein Auftritt folgenlos.

Theo glaubte so fest an die unterschiedliche Aufgabenstellung von Herz und Schwanz, daß er seine Äußerung in anderer Umgebung wiederholte, in der großen Pause im Lehrerzimmer des Gymnasiums, an das er nach seinen Übergriffen versetzt worden war, Wort für Wort, aber ohne die Gesten. Hier erntete er zunächst nur betretenes Schweigen. Als er dann wenige Wochen später auf einer Klassenfahrt vor den Augen seiner Schülerinnen und Schüler nachts zwei Prostituierte auf sein Zimmer kommen ließ, war es auch mit der Geduld seiner Kollegen vom Philologenverband zu Ende, sie schwärzten ihn bei der Bezirksregierung an und er wurde an eine Orientierungsstufe versetzt.

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Als wir wieder einige Jahre später, Anfang der 90er war es, ungenutzte Räume, ja, die gab es damals tatsächlich, in diesem ländlichen Gymnasium anmieteten, um dort Sprachkurse für Spätaussiedler abzuhalten, wußte ich noch nichts von dieser Entwicklung und fragte arglos nach. Nicht aus wirklichem Interesse, sondern um die Situation zu entkrampfen. Mein Gegenüber und Verhandlungspartner war ausgerechnet mein alter Mathematiklehrer aus der 13. Klasse, der mich wenige Monate vor dem Abitur als “Abschaum” bezeichnet hatte, der auf dieser Schule nichts zu suchen habe. Ich erfuhr davon, verließ die Theaterprobe auf der Stelle, stürmte in seinen Physikunterricht: “Was haben Sie gerade über mich gesagt?”, grinsend mit verschränkten Armen. Er drängte mich aus der Tür und stieß mich die Treppe hinunter: “Du Sau!” Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt, weil ich ja inzwischen mein Abitur bestanden habe, keine Wiederholung mehr drohe und das öffentliche Interesse fehle. Nun saßen wir uns gegenüber und bemühten uns, nichts von dieser mehr als zwei Jahrzehnte zurückliegenden Vergangenheit anzurühren. Meine Frage nach Theo irritierte ihn, er schaute mich prüfend an, als suche er nach einer Falle darin. Nein, nach langer Pause, im Kollegium gebe es niemanden mit diesem Namen.

Er sei ein “ungerechter Arsch” schimpfte die Tochter von Bekannten über ihren Klassenlehrer auf der Orientierungsstufe und so stieß ich im Urlaub auf Langeland bei Wildberry mit Orangensaft auf Eis unverhofft doch noch auf Theos Fährte. Der empfand die Versetzung als Degradierung, sah sich als Opfer nicht seines Verhaltens, sondern einer Intrige der “linken Ideologen von der GEW”, und ließ seinen Unmut darüber, tief unter seinem Niveau auch künftige Haupt- und Realschüler unterrichten zu müssen, vor allem an diesen Schülern und ihren Eltern aus. Im Unterricht, im Lehrerzimmer und am liebsten auf Elternversammlungen bezeichnete er sie und in einem Abwasch auch alle, die das an ihm zu kritisieren wagten, als “dumm wie Bohnenstroh” und “unfähig”. Als sich die Beschwerden häuften und er deshalb vor die Bezirksregierung zitiert wurde, wiederholte er seine Anwürfe als Tatsachenfeststellungen. “Der merkt die Einschläge nicht mehr”, meine Gewährsfrau dazu.

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Am Ende stürzte Theo doch noch ab. Mit dem Flugzeug und endgültig. Für einen Werbeprospekt wollte er das Fahrgastschiff Nienburg aus der Luft fotografieren, mietete dafür eine zweisitzige einmotorige Cessna samt unerfahrenem gerade einmal 18-jährigen Piloten, bat den, über dem Schiff eine sehr langsame Kurve zu fliegen, damit er besser fotografieren konnte, das Flugzeug schmierte bei diesem Manöver ab, stürzte in die Weser, der Pilot und Theo ertranken. Das sei zwar ein Unglück für seine zweite Frau und seine beiden Töchter, für mich aber eine unverhoffte Chance, es doch noch in den Schuldienst zu schaffen, ich müsse mich nur auf die freiwerdende Stelle bewerben, setzten mir einige seiner Kollegen aus meinem Freundeskreis im Verein mit meiner Frau zu. Ich ließ mich überreden und bewarb mich, ungern und mit halbem Herzen nur, und wurde zu meinem Glück auch nicht genommen.

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Antennendrähte

Damals, als das Fernsehen noch ein Gemeinschaftserlebnis war, als Durbridge-Krimis und Millowitsch-Übertragungen mit Einschaltquoten von fast 90 Prozent die Straßen leerfegten und die Menschen vor den Geräten zu einem einig Fernsehvolk vereinten, zu dieser Zeit beschlossen mein Bruder und seine Kumpel, etwas gegen diese “Volksverdummung” zu unternehmen, schlichen, vorzugsweise donnerstags und samstags, wenn gerade “Der Goldene Schuß”, “Vergißmeinnicht” oder “Einer wird gewinnen” liefen, mit einer Zange bewaffnet durchs Dorf, zerschnitten die Kabel, die außen am Haus entlang nach oben zu den Dachantennen liefen, und erfreuten sich daran, wie in den Wohnzimmern, um die vermeintliche Bild- und Tonstörung zu beheben, verzweifelt an den Knöpfen gedreht und gedrückt oder mit Fäusten auf die Geräte eingehämmert wurde. Andere, die ihrem Protest gegen die Verhältnisse Ausdruck verliehen, indem sie Pastor Günther auf die Türklinke schissen oder ein Sackgassenschild an die Kirchentür nagelten, kamen ungeschoren davon, mein Bruder und seine Kumpel aber wurden eines Tages von einer zornigen Witwe erwischt und so mußten meine Eltern mit ihm auf der Polizeistation im Nachbardorf antreten. Polizist L. gab ihnen den pädagogischen Rat auf den Weg, meinen Bruder, um solche Untaten in Zukunft zu verhindern, jeden Morgen im Voraus für die Sünden des Tages zu verprügeln. Mit seinem halbwüchsigen Sohn halte er es auch so und der sei allein deshalb bisher zu einem prächtigen Kerl herangewachsen. Daß sich dieser Sohn später das Leben genommen hat, steht ganz sicher in keinem Zusammenhang mit den Methoden schwarzer Pädagogik, die er in seiner Jugend über sich ergehen lassen mußte.

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Osnabrück

Kopftreffer waren nicht erlaubt, mein Gegner reichte mir nur bis ans Kinn, seine Arme viel kürzer als meine, trotzdem hatte er mich nach zwei Minuten in die Ecke des aus Stuhllehnen, Betten und dem Kampfrichtertisch improvisierten Rings gedrängt, ich konnte meine Arme kaum noch heben und mußte die auf meinen Brustkorb einprasselnden Schläge ohne Gegenwehr hinnehmen. Die Zuschauer, dicht gedrängt auf den zehn Betten in unserer Stube in der General-von-Stein-Kaserne, alle wie wir zur Teilnahme an den beiden San-Lehrgängen hierher abkommandiert, johlten und feuerten uns an, Lothar, mich endlich auf die Bretter zu schicken, mich, durchzuhalten und zum Gegenschlag auszuholen.

Eine Mark Eintritt hatten wir ihnen abgeknöpft für diesen Kampfabend und jetzt, im Finale, bekamen sie endlich etwas zu sehen für ihr Geld. Von Gerd kam die Idee, von Lothar, der als einziger etwas vom Boxen verstand, er trainierte in einem Verein und hatte auch schon ein halbes Dutzend Kämpfe Erfahrung, die beiden Paar Boxhandschuhe, acht von uns stellten sich als Kämpfer zur Verfügung, zwei als Kampfgericht. Eine Runde zu drei Minuten sollte jeder Kampf dauern, aber bisher waren erst zwei über die volle Distanz gegangen. Mein Auftaktgegner floh schon nach meinem ersten schwachen Treffer aus dem Ring, im Halbfinale stand ich unserem Riesen gegenüber, eins fünfundneunzig und hundert Kilo, der war aber zu unbeweglich und gab schon nach 90 Sekunden auf, Lothar war zweimal durch Solarplexus-Treffer nach noch nicht einmal einer halben Minute erfolgreich.

Ich wankte nicht und schaffte es bis zum Gong, ein Kaffeehaustablett aus Edelstahl, das Gerd aus der Kantine besorgt hatte. Zu meiner Überraschung wurde der Kampf unentschieden gewertet, ausdrücklich wegen meiner “Tapferkeit”, und Lothar zum Turniersieger erklärt, ein Revanchekampf für die nächste Woche angesetzt, Gerd witterte ein Geschäft. Doch dazu kam es nicht mehr. Unter der Dusche schmerzte mein Oberkörper höllisch, beim Versuch, mich einzuseifen, glitschte mir die Fa aus der Hand, ich war nicht mehr in der Lage, mich zu bücken und sie aufzuheben, und mußte mir sogar beim Abtrockenen helfen lassen, “Vorsicht, Vorsicht”, hörte ich mich jammern.

Am nächsten Morgen kam ich kaum aus dem Bett, es half nichts, ich mußte mich auf dem Krankenrevier melden und dem Arzt eine Lügengeschichte auftischen von einem freundschaftlich gemeinten Stoß vor die Brust, “nur einer, wirklich”, mit der Wahrheit wären wir alle in Teufels Küche gekommen, man ließ grinsend durchblicken, das mir das nicht abgenommen wurde, hakte aber nicht weiter nach. Beim Röntgen stellte sich heraus, daß ein winziges dreieckiges Stück aus dem Brustbein gebrochen war und sich ein wenig schräg gestellt hatte. Ich wurde zu einer Woche absoluter Bettruhe verdonnert, Husten verboten, und bekam Codeintabletten.

Da lag ich nun sieben Tage flach und durfte mich nicht rühren. Ich sehnte mich nach dem langweiligen Unterricht bei den Sanitätsfeldwebeln und nach dem Küchenbullen, der nach den Mahlzeiten von Tisch zu Tisch lief und uns einzeln zu Beurteilung und Kritik seiner Kochkünste aufforderte, als wären wir keine niederen Dienstgrade bei der Bundeswehr, sondern Restaurantkritiker, die Sterne zu vergeben hatten. Die Zigaretten, die ich in dieser Woche nicht rauchen durfte, vermißte ich zu meiner Überraschung weniger als unser Laufen nach Feierabend, der erste halbe Kilometer eine schöne Steigung, die mich jede einzelne Roth-Händle meines Lebens verfluchen ließ. Nach dem Abendsport besuchte mich der Haufen zwar jeden Tag und und leistete mir eine halbe Stunde Gesellschaft, zog dann aber ohne mich weiter in die Stadt.

Am Sonntag zuvor war ich mit Otto, meinem Bruder und dem Gönner auf einem “Beat-Nachmittag” der Landjugend in Deblinghausen, Karnevalsveranstaltung ohne Verkleidung, und hatte dort eine Karin kennengelernt, dunkelblond, ihr dunkelblauer Redingote im schönsten Kontrast zu meinem Afghanenmantel, an viel mehr erinnere ich mich nicht, die drei fuhren ohne mich zurück, ich ließ mich von ihr zum Bahnhof bringen, ein kleiner Abstecher auf einen einsamen Feldweg, wir vergnügten uns eine halbe Stunde und verabredeten uns für den Sonnabend, wieder im Lindenhof.

Nun wartete sie vergeblich auf mich, ich hatte ihr auch keine Nachricht zukommen lassen, möglich gewesen wäre es, denn Friedhelm aus Liebenau, zwei Stuben weiter, zahlender Zuschauer bei unserem Preisboxen, war ihr Cousin, das hatten wir am Sonntag herausgefunden. An den letzten Wochenenden war ich immer mit ihm nach Hause gefahren, in seinem roten NSU TT, Heckmotor, aufgestellte Heckklappe für die Luftzufuhr, verdammt schnell, von Osnabrück über Espelkamp und die Dörfer des Südkreises nach Nienburg in 75 Minuten, kaum waren wir wieder in Niedersachsen wurde die Straße sichtbar schlechter, ab Lavelsloh war mit Hühnern auf der Fahrbahn zu rechnen, wenn Friedhelm in Warmsen aus Sicherheitsgründen auf 100 abbremste, kam es mir vor, als schlichen wir nur noch dahin.

Als nächsten Wochenende durfte ich wieder nach Hause, gemütlich mit der Bahn, denn für meinen rasenden Chauffeur ging es am Donnerstag wieder in seine Einheit zurück, für mich ab Freitag mit dem Lehrgang II weiter. Auf dem Küchentisch lag ein Brief von Karin, Montag geschrieben, Mittwoch angekommen, halb heißer Liebesbrief, halb Vorwurf und Abschied, ich legte ihn beiseite, zu einer Antwort konnte ich mich nicht aufraffen, und beschloß, an einem der verbleibenden Wochenenden in Osnabrück herumzustromern und die Stadt allein zu entdecken.

Jeans, kniehohe Wildlederstiefel, Pullover, Afghanenmantel, die Frisur immer noch recht kurz, aber schon ein paar Millimeter länger als vier Wochen zuvor bei meinem Göttinger Abenteuer, so marschierte ich am ersten Märzsamstag in die Osnabrücker Innenstadt ein. Die Diskothek, in der wir die ruppertsche Anbaggertechnik, zwei Männer sprechen zwei Freundinnen an, “das vervierfacht die Chancen”, oft genug vergebens ausprobiert hatten, war meine dritte Station. Der Fernseher über dem Eingang war an die Anlage angeschlossen und oszillierte die Musik in schwarz-weißen rhythmischen Bildstörungen, der Laden war gerammelt voll, aber es wurde nichts aufgelegt, was mich zum Tanzen animierte, und ich fand auch sonst keinen Anschluß. Weit vor Mitternacht hatte ich genug davon und machte mich zu Fuß auf den Rückweg.

Am Rand der Altstadt in einer Brücke über die Straße eine Bar, es herrschte noch Betrieb, freundliches Licht drang durch die Scheiben und lockte mich zu einem Absacker hinauf. An der Theke außer mir nur ein Mann Ende zwanzig im schwarzen Rollkragenpullover. Er prostete mir zu. “Wenn Sie noch etwas erleben wollen heute Nacht, im Western-Club fängt das Leben um diese Zeit erst an. Kommen Sie mit.” Wir zahlten und machten uns auf den Weg.

Der Western-Club entpuppte sich wieder als Keller. Großes Hallo, ihn schienen alle hier zu kennen, die meisten begrüßte er einzeln, die Frauen sahen freundlich durch mich hindurch. Nach mehreren Cola-Rum hatte ich genug und legte mir den Afghanenmantel über die Schultern. “Komm her, ich begleite Dich ein Stück, wir haben denselben Weg.” Nach ein paar hundert Metern durch unbekannte Straßen: Ich bräuchte nicht in die “blöde Kaserne” zurück, könne auch bei ihm übernachten, das wäre “ganz bestimmt” komfortabler. Als ich zustimmte, standen wir schon vor dem Haus.

Das Nachtlager auf einer Matratze zu ebener Erde, er legte sich an meine Seite und fing sofort an, mich zu befummeln. Ich rückte ab und erklärte ihm, daß es mir leid tue, ich aber nur Frauen liebe. Er schien einsichtig, bettelte aber darum, mich wenigstens “ein klein wenig” am Bauch berühren zu dürfen, “ohne Hintergedanken”. Ich erlaubte es ihm mitleidig, er konnte nicht an sich halten, glitt mit der Hand tiefer, ich warf ihn von der Matratze, er beschimpfte mich jetzt wütend, ich sei ein intoleranter Spießer, der etwas gegen Schwule habe, dann wieder bettelnd, er möchte doch nur neben mir liegen, verspreche mir auch, mich nicht mehr anzufassen. Er kroch neben mich und versuchte es auch tatsächlich nicht mehr.

Einschlafen konnte ich nicht mehr. Ich lag bis halb sieben angespannt wach, auch als er schon längst ruhig und gleichmäßig atmete, stand dann auf, sammelte meine Sachen zusammen, schlich mich aus der Wohnung und stiefelte durch einen grauen Morgen zur Kaserne. Zehn Tage später sah ich ihn dann noch einmal, im Theater, “Jagdszenen aus Niederbayern”. Bis heute ist mir ein Rätsel, wie er es geschafft hat, ausgerechnet, den Platz neben mir zu ergattern.

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Café Perdoni

Wer sich für fortschrittlich hielt, Drogen nahm, politisch aktiv war, antiautoritär und links natürlich, etwas anderes zählte nicht, progressive Musik hörte, ging ins Marchioni in der Leinstraße. Dort trafen sich diese Szenen in rauchgeschwängerter Luft, es war immer voll, in der Musikbox gab es auch Hendrix, Zappa, Janis Joplin oder “Who Do You Love” von Quicksilver Messenger Service.

Das Café von Ricco Perdoni nur vier Häuser weiter an der Ecke Carl-Schütte-Straße, vielleicht wäre ich nie hingegangen, aber als ich eines Mittags zum Bahnhof ging, erst noch gemeinsam mit Steffi und Rex, dann ein paar Meter bis zur Parkstraße allein mit Conny, und sie strahlte, ja, himmelte mich so unverschämt mit leicht geneigtem Blondkopf an, daß ich Mut faßte und sie um ein Treffen am nächsten Nachmittag bat. Zu Marchioni wollte sie nicht, da seien zu viele Leute, die uns kannten, blieb das Perdoni, da konnten unsere feuchten Hände halbwegs unbeobachtet zueinander finden. Wir trafen uns von diesem Tag an regelmäßig dort, erst nachmittags ein- oder zweimal in der Woche allein miteinander, dann, als sie mit Andreas Schluß gemacht hatte und nichts mehr verheimlicht werden mußte, fast täglich nach der Schule. Der Kreis erweiterte sich, blieb aber bis zum Schluß begrenzt auf Schüler der Klasse 12 ml der Albert-Schweitzer-Schule, Gymnasium für Jungen, Manni, Andreas, Moppel, Heiner, ich, und Schülerinnen der Klasse 11 a der Hindenburgschule, Gymnasium für Mädchen, Conny, Sabine, Steffi, Inge, Christine, Anke, beide Schulen nur getrennt durch den Stadtgraben und gegenseitig nur mit Passierscheinen betretbar.

Unser Stammtisch blieb der große runde Tisch hinten links in der Ecke, an den sich Conny und ich bei unserem ersten Rendezvous gesetzt hatten, so gut wie uneinsehbar von der Theke und den anderen Tischen im vorderen Teil, besser zu sehen von den Tischen im Gang der nach rechts abging, aber die waren höchstens am Wochenende besetzt. Die Leute auf Straße konnten wir durch das riesige Fenster gut beobachten, was uns dazu verleitete, mit der Beaulieu, die wir uns bei einem nächtlichen Abenteuer aus der Schule besorgt hatten, versteckte Kamera zu spielen. Wir legten rohe Eier auf den Gehsteig, immer nur eines auf einmal, und filmten die Passanten. Die meisten ignorierten die Eier, einige wichen ihnen vorsichtig aus, zwei warfen die Eier auf die Straße und erfreuten sich daran, wie sie zerplatzten, ein Mann hob das Ei auf, betrachtete es eingehend und mißtrauisch, sah sich verstohlen um, legte es vorsichtig auf den Gehsteig zurück, eine Frau mit einem Einkaufskorb hob das Ei auf und legte es in den Korb, als sei es das Selbstverständliche der Welt, rohe Eier auf dem Gehsteig zu finden, acht Minuten später auf dem Rückweg legte sie auch unser letztes Ei in ihren Korb, wieder ohne eine Miene zu verziehen.

Ricco Perdonis Vater Antonio war 1904 als Fünfundzwanzigjähriger nach Deutschland gekommen, hatte es als Terrazzoleger zu einigem Wohlstand gebracht und in den 1930ern sein Eiscafé eröffnet. Ob Ricco noch Terrazzo verlegen konnte oder nur Eis machen, müßte eigentlich mein Schwiegervater wissen, aber der lebt nicht mehr, die Geschäfte liefen jedenfalls längst nicht mehr so gut wie zu den Glanzzeiten.

Laila, nur die eine Nacht erwähle mich
Küsse mich und quäle mich
Denn ich liebe nur Dich
Oh Laila

Im Café Perdoni gab es keine Musikbox, nur um die Ecke auf einem Regal einen Plattenspieler und ein paar alte Schlagerplatten. Wenn der alte Perdoni nachmittags anwesend war und wir lange genug bettelten: “Die verbotene Platte, bitte, die verbotene Platte”, legte er “Laila” von Bruno Majcherek & Die Regento Stars auf, 1961 42 Wochen an der Spitze der Hitparaden, von vielen Radiosendern boykottiert und zeitweise auf dem Index, und wir sangen den Refrain mit.

Riccos Frau, Vorname vergessen, größer als er, blond, hochtoupiert, eine stolze, warmherzige Erscheinung, war fast immer anzutreffen, während er oft seinen Hut vom Ständer nahm, aufsetzte, an die Krempe tippte und sich mit diesem leichten Gruß zum Plausch mit seinen italienischen Kollegen aufmachte.

Am Wochenende, nur selten in der Woche, war da noch Rita, dunkelhaarige, klein, mollig, allein, die Bedienung, die ein trauriges Geheimnis umgab. Einst war sie sehr kurz Riccos Freundin, doch wie der “Spiegel” Nr. 51 von 1951 zu berichten wußte, war ihre dritte große Liebe, der Paketbombenattentäter Erich von Halacz, ihr Schicksal, er wurde kurz vor ihrer Verlobung verhaftet und auch ihr falsches Alibi konnte ihn nicht mehr retten.

Im Café Perdoni bediente die heute 19jährige Rita Biermann aus der Karl-Schütte-Straße, gegenüber dem Gaswerk. Mitte August 1951 sprach Erich das Mädchen zum ersten Mal: “Na, Sie kleines Biest, bringen Sie mir mal ”ne Tasse Kaffee.” Diese Anrede von Halacz gefiel ihr: “Es war so etwas anderes als sonst.” Und als er noch sagte: “Wann treffen wir uns”, verabredete sie sich gleich nach Dienstschluß für den selben Abend. Rita: “Es war Liebe auf den ersten Blick.”

Es war nicht die erste Liebe auf den ersten Blick der 19jährigen Rita. Ihre erste große Liebe war ein Lebkuchenfabrikant. Rita war nach ihrer Volksschulzeit zwei Jahre im Haushalt gewesen und reiste dann mit Verwandten, die Schausteller waren und auf den Jahrmärkten der Umgebung Süßigkeiten verkauften, durch Norddeutschland. Der Lebkuchenfabrikant immer mit. “Ja, wir hatten uns sehr gern.” Rita war 16 Jahre alt.

Ihre zweite große Liebe war (“Nach einem Intermezzo mit Eiskonditor Perdoni”) der Sohn eines Möbelfabrikanten. Rita: “Es war Liebe auf den ersten Blick.” Aber die Eltern waren dagegen. “Als ich einsah, daß es keinen Zweck mehr hatte, machte ich Schluß.”

Die dritte große Liebe war von Halacz. “Ich habe eben immer Pech mit meinen Männern.”

Erich nannte Rita “Baby”. Sie erzählt, daß er immer nett zu ihr war, so schön lachen konnte und immer viel erzählte. Rita, keine Leuchte des Geistes, sah in dem charmanten jungen Adligen den Mann, der sie zu dem “erstrebten Höheren” führen würde. Wenn sie abends durch die Straßen bummelten, sagte von Halacz ihr, daß sie nur noch Pelze und große Abendkleider tragen würde. “Du sollst es gut bei mir haben.”

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ARD-Dokumentation “Post vom Tangojüngling”

Manchmal half auch die Tochter aus, Eva Maria Bianca Pia, rothaarig, stolz wie ihre Mutter, die auch wie Conny, Sabine, Steffi und Inge in die 11a ging und nicht verstand, wie wir uns in dieser Wohnzimmeratmospäre bei ihrem reaktionären Vater und seinen schrecklichen Schlagerplatten wohlfühlen konnten. Sie selbst ging nur ins Marchioni. Ihre Eltern hielten sie sehr streng und wehe, sie hätten jemals erfahren, daß sie manchmal nachts Herrenbesuch empfing, ich weiß es nur von Ahab, der zu den Auserwählten gehörte, die sich über den Hinterhof und eine Leiter in ihr Zimmer schleichen durften.

Als wir dann 1970 das Abitur geschafft hatten, feierten wir das Ereignis in größerer Runde im Café Perdoni, ließen die Sektkorken knallen, Ricco mußte “Laila” auflegen, waren ausgelassen, bis dann plötzlich meine Mutter auftauchte, einen Brief in der Hand, der gerade angekommen war, vom Kreiswehrersatzamt, meine Einberufung, und zumindest meine Stimmung auf den Nullpunkt sinken ließ.

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Göttingen

Ein früher Freitagabend im Januar 1971, von Osnabrück bis Altenbeken fuhr wenigstens ein Bummelzug, dann mußte ich umsteigen und es ging noch langsamer voran. Eine schier endlose Fahrt durch Südniedersachsen, im Bus war es genauso dunkel und langweilig wie draußen, hin und wieder eine Ortschaft, trübe Straßenbeleuchtung, öde Haltestellen, Fachwerk und eternitvernageltes Fachwerk.

Vom Busbahnhof fragte ich mich durch zur Klinkerfuesstraße. Es gab ein Klingelschild, auf dem “Mierwald” stand, unzweifelhaft, Gaggi wohnte hier, mit ihm und Ahab zusammen hatte ich ein paar Wochen vorher meinen ersten Trip eingeworfen, das Datum stimmte auch. Trotz Sturmklingeln, es war kalt, öffnete niemand, zurück in die Stadt, in den Nörgelbuff, den einzigen Ort in Göttingen, von dem ich schon gehört hatte. Im Spätsommer im Jazz-Club, als Rolf Linnemann aufgetreten war, zu nachmitternächtlicher Stunde, zwischen den Zugaben “Flipper, Flipper, der Freund aller Kinder” und “Ja, die Lipper, die sind da” hatte er von seinem eigenen Club in Göttingen erzählt, benannt nach dänischen Steintrollen. Wegen Andreas hatte ich nur Fetzen mitbekommen, er mußte uns während dieser Zwischenansagen unbedingt seinen fast unsichtbaren Bauchansatz präsentieren, der sei ihm in den paar Monaten seit dem Abitur als Ausweis seines Austritts aus der aufmüpfigen Unruhe der Jugend und nunmehr Eintritts in die behäbigere Erwachsenenwelt gewachsen. Ich hatte nichts dergleichen aufzuweisen damals, war in der Grundausbildung auf siebzig Kilo heruntertrainiert.

In der Groner Straße 23 am Aushangkasten, in dem für Freitagabend Blues angekündigt wurde, vorbei, eine Treppe hinunter. Der Keller war um diese Zeit noch fast leer, fest entschlossen, mir auch eine gutbürgerliche Plauze zuzulegen wie Andreas, trank ich schnell hintereinander zwei Bier, versuchte es danach noch einmal in der Klinkerfuesstraße, vergeblich.

Cause you know I’m here
Everybody knows I’m here
Yeah, you know I’m a hoochie coochie man
Everybody knows I’m here

Als ich zurückkam, war der Laden gut gefüllt und ein Farbiger mit starker Stimme spielte Chicago Blues am Klavier. Ich war beeindruckt und blieb, bis er den letzten Ton gespielt hatte und noch ein Bier darüber hinaus. Dann entschloß ich mich zur Heimfahrt.

Der Fahrplan sagte mir, daß der erste Zug Richtung Hannover erst in vier Stunden fuhr, die Bahnhofshalle kalt und abweisend, der Wartesaal geschlossen, links neben der Tür ein Getränkeautomat. Ich zog mir einen Tomatensaft, trank gerade den ersten Schluck, als mich ein Krawattenträger Ende dreißig, dunkler Mantel über dem Anzug, geputzte Schuhe, von der Seite anmachte: “Den trinke ich hier auch immer, der ist wirklich gut. Kann ich nur empfehlen.” Es wäre doch “ungemütlich”, hier auf den ersten Morgenzug zu warten, die “Kupferkanne” habe noch auf, da sei “noch was los”, keine Bange, ich sei eingeladen, Eintritt und Getränke übernehme er.

Wieder ging es eine Treppe hinunter in den Göttinger Untergrund. Dem Wächter am Einlaß gefiel mein Aufzug nicht: Jeans, kniehohe Wildlederstiefel, Pullover, Afghanenmantel, zumindest eine Krawatte solle ich mir umbinden. Mein Begleiter faltete einen Zwanzigmarkschein viermal und drückte ihn dem Türsteher in die Hand. Es sei schon nach Mitternacht, da solle er sich nicht so anstellen. Mit der Andeutung einer Verbeugung wurden wir durchgelassen. Die Musik, die Einrichtung, das Licht, die anderen Gäste, nichts an diesem Ort, angeblich eine Diskothek, gefiel mir, aber es war auch nicht mein Geld, das hier ausgegeben wurde, und besser als in der zugigen Bahnhofshalle war es allemal. Wir setzten uns an die Bar und tranken mehrere Chivas Regal.

Kurz nach elf weckte mich eine Autohupe. Ich lag vollständig bekleidet, nur mit einer dünnen Wolldecke bedeckt, auf einem schmalen Bett in einem Jugend- oder Gästezimmer, sprang auf und geriet sofort in Panik. Außer mir befand sich niemand in dieser mir unbekannten Dreizimmerwohnung. In der Küche eine volle Kanne Kaffee verlockend in der Maschine, noch sehr heiß, ich nahm den Filter herunter, holte eine Tasse aus dem Schrank, goß ein, trank sie hastig halb aus. Im Flur mein Afghanenmantel ordentlich am Haken, lose übergehängt, ein Griff an die Gesäßtasche, das Portemonnaie war noch da, raus aus der Wohnung, zwei Treppen hinunter, auf der letzten kam mir mein nächtlicher Begleiter entgegen, eine Brötchentüte in der Hand. “Muß los”, halblaut im Vorbeistürmen gemurmelt, schon war ich draußen auf der Straße. Um die Ecke eine Haltestelle, der Bus fünf Minuten später fuhr glücklicherweise in die richtige Richtung.

Fehlanzeige auch beim dritten Versuch in der Klinkerfuesstraße. Ich schlenderte nun bei Tageslicht über die Groner und die Weender Straße, im Bratwurstglöckle eine doppelte Wurst im Stehen, im Kino in der Kronenpassage lief in der Nachmittagskindervorstellung der erste Asterix, den ich noch nicht kannte, und half mir, siebzig Minuten unterhaltsam zu überbrücken. Als ich es fast schon aufgegeben hatte und nur noch kurz zum Deutschen Theater unterwegs war, wenigstens von außen wollte ich es sehen, kamen mir auf der anderen Straßenseite Ahab und Gaggi entgegen, winkten mich zu sich, erstaunt, mich doch noch an diesem Wochenende in Göttingen zu sehen. Sie hatten mir die falsche Adresse gegeben, Gaggi war zwar in der Klinkerfuesstraße gemeldet, konnte aber gerade jetzt im Winter das Geld für die Münzheizung nicht aufbringen und war vorübergehend in Ahabs WG direkt am Nabel untergekommen.

Da saß ich dann in spartanischer Leere am Küchentisch und langweilte mich den Rest des Wochenendes, nachdem ich das einzige Buch, das in dieser Studentenwohngemeinschaft aufzufinden war, “Der kleine Muck” von Wilhelm Hauff im billigen Pappeinband, dreimal aufmerksamst durchgelesen hatte.

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Wem gehört der deutsche Wald?

“Wo die Weser einen großen Bogen macht …”

Nachts um halb eins aus sieben Kehlen in einem Zweibettzimmer im Haus Sonnenberg in St. Andreasberg.

“Wo man trinkt die Halben in zwei Zügen aus …”

Der Rotwein kreiste in Flaschen, den hatten wir besorgt, Manni, Moppel, Andreas und ich, dazu gab es Käse, in dicken Stücken vom Laib geschnitten, den hatten die beiden dänischen Lehrer aus Odense mitgebracht: die Cracker waren der Beitrag des lustigen dicken Simultandolmetschers.

“Remmerbier, Remmerbier trink ich gerne,
Remmerbier, Remmerbier hat keine Kerne,
Remmerbier, Remmerbier, das fließt munter
unsre Kehlen rauf und runter …”

Unser Gesang war nicht schön, aber laut, und nebenan gut zu hören. Nebenan, da waren die beiden Lehrer untergebracht, Deutsch, Geschichte, Kunst, die uns auf dieser Studienfahrt begleiteten. Beim Frühstück am nächsten Morgen setzten sie sich an unseren Tisch, musterten erst uns eingehend, wendeten ihre Köpfe dann zueinander, schauten sich wissend an und wunderten sich laut, wie gut die Dänen sich mit dem norddeutschen Liedgut auskannten. Niemand verzog eine Miene.

“Hermann Löns, die Heide brennt …”

Mit dem Pegel stieg die Stimmung und die Lieder kippten vollends ins Heimattümlich-Suffköpfige. Ich erzählte von der antiautoritären Bewegung an der Mittelweser, von den Zusammenkünften der Avantgarde, der Laberkönige vom USSB, im Stockturm, der Dolmetscher nahm einen Schluck aus der Pulle und begann, mich ins Dänische zu übersetzen, seine Lehrerkollegen glucksten erst, prusteten dann los: “So macht er das immer, wenn du sprichst.” Ich begriff gar nichts und muß auch so ausgesehen haben. “Ich lege dir lustige Sachen in den Mund, Kabarett, das kommt besonders bei den Mädchen gut an.” So gut Deutsch, ihm auf die Schliche zu kommen, könnten sie alle nicht, und: Warum ich besonders bei Aenne-Mette und Helle einen solchen “Stein im Brett” habe, solle ich mich fragen.

Ich war erst einmal sauer. Internationale Jugendtagung “Gesellschaft und Demokratie” vom 12. bis zum 21. Mai 1968, die aufregenden Ereignisse in Paris paßten zum Thema und schwappten immer wieder in die Debatten, Leitung ein Dr. Ray Bomber, der Mann hieß wirklich so, die Referenten ausnahmslos Jungpolitologen unter 30, das war für uns sehr wichtig damals, außer unserer noch die Schulklasse aus Odense und eine aus Bremen, die Hormone wilderten in beiden, jeder meiner Diskussionsbeiträge, und es waren nicht wenige, wurde mit vollem Ernst und feurig überzeugt vorgetragen; und dieser dicke Dolmetscher synchronisierte mich als Schmierenkomödie. Meine Verstimmung hielt aber nur wenige Sekunden an, er schnitt mir ein dickes Stück Käse ab und vom Wein beschwingt vergab ich ihm.

“Was führt ihr denn morgen zum Abschluß auf?” Aus dem “morgen” war längst “heute” geworden und so selbstverständlich, wie wir uns damals solch reaktionärem Brauchtum verweigerten, hatten wir auch nichts vorbereitet.

“Ho, Ho, Ho-Chi-Minh!”

Aber mein Ehrgeiz war geweckt. Nach dem letzten Lied und dem letzten Schluck Rotwein legte ich mich nicht ins Bett, sondern setzte mich hin und schrieb, inspiriert von Handkes “Publikumsbeschimpfung”, die man gerade im Theatersaal an der Buermende gegeben hatte, dem Internationalen Vietnam-Kongreß, den der SDS im Februar in Berlin veranstaltet hatte, und den Demonstrationen des Frühjahrs, ein kleines Stück Sprechtheater, weniger als zehn Minuten, Parolen, wie sie auf den Protestmärschen skandiert wurden, Bruchstücke aus Aufrufen, Pamphleten und anderen Schriften der APO, nachempfunden, denn an die Originale kam ich in dieser Nacht nicht heran, handschriftlich, gleichmäßig verteilt auf fünf Manuskripte für fünf Vorleser.

Kurz vor dem Frühstück war ich fertig und schnappte mir vier Mitstreiter, jeder bekam seinen Text in die Hand gedrückt. Nach dem Frühstück übten wir kurz, eine Reihenfolge hatte ich nicht festgelegt, jeder entschied spontan, wann er an der Reihe war, die Parolen im Chor, dem Vorbeter nach. Die Aufführung unterschied sich dann auch ein wenig von der Probe. Wir standen nicht, sondern hockten im Halbkreis auf dem Boden, vieles kam an anderer Stelle, manches blieb ungesagt, weil es dem Sprecher doch nicht in den Kram paßte, bei den Parolen reckten wir jetzt immer unsere linken Fäuste rhythmisch in die Luft.

Dem Publikum gefiel es, nur unserem Deutsch- und Klassenlehrer Dr. S. nicht, der stand vor diesem Stück ebenso ratlos wie vor Handkes “Publikumsbeschimpfung” und mochte es nur als Klamauk und Ausdruck ungezügelten Rebellentums, nicht aber als Theater anerkennen. Der stärkste Beifall kam von den dänischen Mädchen und ich fragte mich, welcher Teufel den Dolmetscher wieder bei seiner Simultanübersetzung geritten hatte. Er bat mich um ein Manuskript, ich gab ihm den Loseblatthaufen des einzigen Originals, etwas anderes hatte ich ja nicht, das er später übersetzte und das als Grundlage einer weiteren Aufführung an der Schule in Odense diente.

Moppel hielt weiter brieflichen Kontakt mit den beiden dänischen Lehrern und als Spätfolge des Käse-, Rotwein- und Liederabends bekamen wir eine Einladung nach Odense. Wir fuhren in den letzten beiden Ferienwochen, als in Dänemark die Schule schon wieder begonnen hatte. Das Geld für diese Fahrt verdiente ich mir mit Gartenarbeit für den Fabrikanten Scharmentke und mit Interviews für ein Meinungsforschungsinstitut, sechs Mark fünfzig pro Stück. Die beiden Gauloises rauchenden Soziologiestudenten, die im Bully über die Dörfer fuhren und unsere Truppe einteilten und anwiesen, wurden zu meinen neuen Göttern, ich wechselte von Stuyvesant auf Filterlose, Roth-Händle, der Dritte Weg zwischen den Bauarbeiter-Overstolz meines Vaters und den kurzen Franzosen mit dem Flair von Aufbruch und Welterkenntnis.

“Das ist jetzt Hitlers Autobahn?”
“Nein, das ist die A2.”
“A7, auf dem Schild steht A7.”

Wegen Rolf, sein Vater war ein höherer Offizier bei den Panzergrenadieren in Langendamm, wären wir beinahe nicht losgekommen, seine Eltern beide in Urlaub, er mußte das Haus hüten und wagte nicht, es zu verlassen, bevor er nicht die letzte Franse am riesigen Wohnzimmerteppich sorgfältig gerade gekämmt hatte, wegen Erich, der Kadett gehörte seiner Mutter, wären wir beinahe nicht angekommen, auf der Autobahn, 150 Kilometer von Herrenhausen bis Hamburg, fuhr er Strich 90: “Sprit sparen”, für zwei Minuten kurbelte er vor Walsrode das Schiebedach zurück, wir durften die Hände in den Wind strecken, dann mußte es wieder geschlossen werden: “Luftwiderstand.” Doch, ich war mit ordentlichen Leuten unterwegs.

Die Nacht bei Moppels Bruder in der Pfeifenraucherwohnung in Altona, frühmorgens dann auf den Fischmarkt, Nachtschwärmer gegen Frühaufsteher, weiter über Kolding, wir winkten heftig in die Richtung, in der wir den Simultandolmetscher vermuteten, und die alte Lillebæltsbroen hinüber nach Fünen. In Odense wohnten wir bei einem der beiden Lehrer, blau gestrichenes Kiefernholz, reichhaltiges Frühstück am großen runden Tisch. Auf dem Stadtrundgang gelang es uns, eine Bildzeitung zu kaufen, unsere Waffe für den übernächsten Tag.

“Wem gehört der deutsche Wald? Den Jägern oder den Liebespaaren?”

Man hatte uns gebeten, eine Deutschstunde zu geben, in der Klasse, die uns und umgekehrt wir sie aus Sankt Andreasberg kannten, mit Helle, einsfünfundsiebzig, dunkelhaarig, und Änne-Mette, einssechzig, blond, und den anderen Objekten unserer Begierde, 45 Minuten, nur von uns frei gestaltet. Die Bildzeitung legten wir hübsch gefaltet in einen Schnellhefter, unsichtbar für die Klasse, vorne drauf ein Schild, in Druckbuchstaben deutlich beschriftet: “Aktuelle Texte zur Interpretation”. Wir lasen den Leitartikel vor: “Wem gehört der deutsche Wald? Den Jägern oder den Liebespaaren?” – emotions- und fast tonlos, als sei es ein langweiliger Sachtext aus der Gemeinschaftskunde – und wir ließen die Ahnungslosen darüber diskutieren. Die bemühten sich um ernsthafte Argumente, die Jäger gewannen, sich offen auf die Seite der Liebespaare zu stellen war den meisten wohl zu heikel, und für die Liebe seien Betten auch bequemer. Erleichtertes Gelächter, als wir am Ende der Stunde die Bildzeitung aus dem Hefter nahmen, entfalteten und enthüllten, worauf sie hereingefallen waren.

Am Abend gab es dann eine Klassenfete in der Schule, in einem Raum im Keller, Beatmusik und Coca Cola, uns wurde das Vorgriffsrecht auf die Mädchen eingeräumt, wenn wir mit ihnen tanzen wollten, mußten die dänischen Jungs zurückstehen. Fürwahr, nach einer Rotwein- und Käsenacht, einem kleinen Stück Sprechtheater und, ausgerechnet, im schönsten Kontrast dazu, einem Sommerlochartikel aus dem Springerblatt, hatten wir jetzt einen Riesenstein im Brett der, vor allem, Däninnen.

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