Cloppenburger Märchenstunde

Sein Beichtvater Antonius Enninga hatte es ihm so schonend wie möglich nahegebracht: Wenn er wirklich noch vor seinem 50. Geburtstag die Frau fürs Leben finden wolle, sei Beistand von allerhöchster Stelle notwendig. Also machte sich Werner Ehmig, Inhaber der Bäckerei-Konditorei-Café Grünhage vorm. Mohrenstecher im Herzen von Cloppenburg, vor zwölf Jahren auf zur Pilgerfahrt nach Rom, blieb aber in einem Straßencafé in Siena hängen.

Dort spielte gegen gesalzenen Aufpreis ein Stehgeiger auf, den alle nur Maestro nannten, angeblich war er in jüngeren Jahren in den größten Konzertsälen der Welt aufgetreten, lockte mit seinen Tönen die gesamte Frauenwelt in Hörweite herbei, zauberte ihr begierig glänzende Augen und gewährte als krönenden Abschluss der Signorina seiner Wahl die Gunst für eine Nacht. Ja, so eine Attraktion könnte auch in Cloppenburg ein leeres Café füllen und in eine Goldgrube verwandeln. Ehmig sprach den Maestro an und weil der Cloppenburg mit Göteborg verwechselte, schlug er ein und erfüllte zwei Wochen später die frühsommerliche Abendluft vor dem Café Grünhage erstmals mit dem zarten Klang seiner Violine.

Aber das Rezept schien in der norddeutschen Luft nicht zu wirken, die auf die Straße geschafften Tische und Stühle blieben gähnend leer, nur einige einsame Münzen verirrten sich in den Kasten des Maestros. Das änderte sich schlagartig, als sich in dessen Hose die Annäherung Mareikes, der ungekrönten Busenkönigin Cloppenburgs, mit einer warmen kräftigen Ausbeulunq ankündigte. Mitten im Strich hielt der Maestro inne, ließ seinen Bogen in einen Haufen Hundekot fallen, kramte aus einem Geheimfach seinen Spezialbogen hervor – von Colani persönlich entworfen und von Satan in Gestalt eines päpstlichen Kammerdieners gesegnet, mit einem aus Elfenbein gearbeiteten Phallus als Spitze – nahm die Melodie an der unterbrochenen Stelle wieder auf, verbeugte sich dämonisch lächelnd vor Mareike und wies ihr mit einem knappen Kopfnicken einen Platz an Tisch vier an.

Schon mit dem ersten Takt hatte der Zauberbogen sie in seinen Bann gezogen, mit dem vierten die Macht vollständig übernommen, vor Geilheit zitternd ließ sie sich auf dem Plastiksessel niedersinken, bestellte willenlos einen Campari zum doppelten Preis nach dem nächsten, während der Maestro immer enger um sie herumtänzelte, immer enger, der Geruch seines Geschlechts ihre Erregung ins geradezu Hysterische steigerte, der Dämon des Bogens auch den letzten Platz mit katholischen, ja sogar mennonitischen Unterleibern füllte und der Konditormeister das Schauspiel, das ihm die Kasse füllte, händereibend verfolgte. Eine geschlagene Stunde musste Mareike sich so foltern lassen, bis der Maestro endlich das Vorspiel beendete und sie ihm in die Dachkammer folgen durfte.
Auch an den nächsten Tagen kam der Colani-Bogen zum Einsatz, auf Mareike folgte die Apothekerin, auf die Apothekerin Taxi-Gundel, auf Taxi-Gundel Enningas Haushälterin, und damit waren alle Dämme gebrochen, Cloppenburgs Frauenwelt kam immer früher, um sich einen Platz in der Nähe des Maestros zu sichern, auch eine nochmalige Verdoppelung der Preise konnte sie nicht schrecken, so ging es nun drei Wochen und könnte noch bis zum heutigen Tag andauern, wären dann nicht die Tönnsingmeyer-Zwillinge aufgetaucht, 14 Jahre jung, unschuldig und so blond, daß der Maestro sich im erträumten Göteborg wähnte.

Die Zwillinge waren zwar nur durch ihre Haarspangen zu unterscheiden, aber der Dämon des Bogens war so böswillig, den Kompaß in der Hose des Maestros nur auf Julia zu richten, die aber ging jeden Morgen vor der Schule zur Beichte und hatte schon vor der Kommunion Herz und Geschlecht einzig Jesu geweiht und war deshalb immun, während sich Franziska schon beim ersten Ton, der ihr Ohr erreichte, die Kleider vom Leibe riß, ihre kleinen festen Brüste gegen den Maestro drängte, dann vor ihm niederkniete und an seinem Hosenbund nestelte. Der stieß sie von sich, kniete seinerseits vor Julia nieder und spielte nur noch für sie. Aber welche Leidenschaft er auch in seinen Strich legte, der Dämon konnte und konnte keine Gewalt über sie erringen. Nach zwei Stunden gab der Maestro völlig erschöpft auf, legte sich allein ins Bett und verrichtete zum ersten Mal nach 14 Jahren wieder Handarbeit.

Am nächsten Tag waren die Tönnsingmeyer -Zwillinge die ersten in der Arena, das Schauspiel wiederholte sich ebenso wie an den darauffolgenden Tagen, bis die Zwillinge am siebten Tag auf die Idee verfielen, ihre Haarspangen zu tauschen. Da war der Maestro schon so verwirrt vom ungestillten Verlangen, daß er den Betrug nicht merkte, nach vier Minuten mit Franziska in der Dachkammer verschwunden und nach weiteren neun Sekunden fertig war.

Franziska sammelte schwer enttäuscht ihre Kleider ein, beschloß, für den Rest ihres Lebens auf das eklige Gespritze zu verzichten, und da sie die leidige Angelegenheit unversehrt überstanden hatte, wurde sie freudig bei den Ursulinerinnen aufgenommen. Julia, von ihrer Schwester darüber aufgeklärt, wie banal und wenig aufregend das Geschlechtsleben in Wirklichkeit ist, ließ sich eine Woche später von einem Kossovo-Albaner für sein Bordell in Vechta anwerben. Ehmig gab seine Heiratspläne auf, der Maestro entsagte Musik und Frauen, warf seine Geige samt Colani-Bogen auf den Sperrmüll, zog ein Stockwerk tiefer ein und hilft nun in der Woche hin und wieder in der Backstube aus. Und Sonntag für Sonntag sitzen die beiden in Unterzeug bei einer Flasche Jever und schauen Sliders.

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Karl M.

Immer, wenn ich nach Feierabend zur Abwechslung einmal meine Eltern besuchen wollte, fuhr ich diesen Schleichweg der Erinnerungen: runter von der Bundesstraße, durch Schessinghausen und den Bruch über den Meerbach und den unbeschrankten Bahnübergang hinein ins heimatlich Gruselige. Oder gruselig Heimatliche? Sei’s drum.

Unmittelbar hinter der Bahn begann es sich zu entfalten. Links der Kiefernwald, rechts die Siedlungshäuschen aus den 50ern, im ersten wohnt wohl immer noch mein Freund Richard, sein Vater hat dort seine Mutter mit einem Taschenmesser umgebracht, er seiner ersten Frau im Liebesrausch einen Nippel abgebissen, die Häuser meiner Onkel, Tanten, Cousinen, blitzsauber, gepflegt, Kühlhaus, Schützenhaus, das Dorfgemeinschaftshaus auf dem Gelände der ehemaligen Sauerkrautfabrik. Und nur, weil ich an diesem Tag nicht an meinem Geburtshaus abgebogen bin, Friedhof und Kunststoffklitsche links liegen gelassen habe, wurde mir unten an der Kreuzung, wo die Bundesstraße das Dorf in Ober- und Unterdorf zerschneidet, diese göttliche Szene geboten.

Genau dort, wo einst der Laden von Brands Louise nebst Poststelle und Kohlenhandel sowie Kastanien- und Eichelankauf stand, bewegte Karl M. auf dem Feldweg eine Schubkarre mit Mist in Richtung Friedhof, gut genährt, wie immer in dunklem Anzug, weißem Hemd und dezent gemusterter Krawatte mit doppeltem Windsor, sein einziges Zugeständnis an den Mist, den er karrte, waren die Gunmmistiefel an seinen Füßen.

Karl gehörte an diesen Ort, ohne Zweifel, das war seine Kreuzung. Schon, als ich noch die gegenüberliegende Zwergschule – 1. bis 4. Klasse bei Lehrer Marquardt, 5. bis 8. Klasse bei Lehrer Goschke – besuchte, stand er bei Brandts Louise hinter der Ladentheke und verkaufte uns lose Sahnebonbons für zwei Pfennig das Stück aus dem großen Glas, wenn wir uns in der großen Pause heimlich über die gefährliche Bundesstraße geschlichen hatten. Oder er war in der Poststelle im Nebenzimmer zu finden und Ilona, die sich mit ihrer Farah-Diba-Frisur für die schönste Frau des Dorfes hielt und mit Karl verheiratet war, verkaufte uns Bonbons oder Wundertüten mit Sigurd-Piccolos. Womit Karl auch beschäftigt war und wo er sich auch gerade aufhielt, stets trug einen dunklen Anzug mit Krawatte, der ihm wie eine zweite Haut war und in dem er geboren schien.

Als sich der Nachfolger von Brandts Louise von seinen Geschäften trennte, übernahm Karl den Laden, und als wenig später die alte Dame starb, wurde das Haus abgerissen und Karl baute schräg gegenüber einen Supermarkt einschließlich Postamt und einer großzügigen Wohnung im ersten Stock.

Karls große Zeit begann. Ihm gehörte das einzige Lebensmittelgeschäft im Dorf und gleichzeitig leitete er die Poststelle als Beamter. Zu dieser Zeit lohnte es sich, von ihm als Freund angesehen zu werden. Dann mußte man sich im Sandkrug oder in der Linde nur zu ihm setzen und konnte den ganzen Abend saufen, ohne auch nur einen einzigen Pfennig dazubezahlen zu müssen. Ebenso bei den beiden Schützenfesten und beim Kirmes. Am Sonntagmorgens traf man sich in seinem Getränkelager zum Frühschoppen, setzte sich einfach auf die Bierkisten und griff unter sich, wenn man Durst verspürte.

Das Nachtleben in der Kreisstadt war ohne Karl und seinen Freundeskreis auch nicht denkbar, erst in der Bodega-Bar und, als die dann schloß, in der Stern-Bar – aber die strahlte die trostlose Atmosphäre eines Wartesaals dritter Klasse aus mit Animierdamen, die einen Flunsch zogen, wenn man sich ihnen näherte. Wenn die Horde um Karl also etwas mehr wollte, als sich zu besaufen, zog sie weiter ins Eros-Center am Berge, das von der Kaserne bequem über die Fußgängerbrücke zu erreichen war. Und auch hier war Karl großzügig und bezahlte stets die gesamte Rechnung. Dazu fuhr er noch jedes dritte Wochenende nach Polen, wo er eine Geliebte sitzen hatte, von der seine Frau aber nichts wissen durfte.
Ein Leben in Saus und Braus, von Freunden und Frauen umschwirrt, von den Männern im Dorf beneidet. Und jetzt schob dieser Mann schwitzend eine Karre mit Mist den Feldweg entlang und der Supermarkt sah merkwürdig leer und geschlossen aus, obwohl es noch lange nicht 18 Uhr war. Meine Mutter wußte, wie es dazu kam.

Als die Geschäfte für Dorfläden immer schlechter liefen, sah Karl es nicht ein, seinen ausschweifenden Lebenswandel etwas einzuschränken, er hatte ja noch seinen Beamtenposten und konnte lange von der Substanz zehren, und als die aufgebraucht war, machte er eben Schulden. Um doch wieder auf den grünen Zweig zu kommen, spielte er jede Woche für mehrere hundert Mark Lotto, aber der große Treffer wollte nicht glücken und die Schulden wuchsen umso schneller. Deshalb löste er das mehrere tausend Mark schwere Sparbuch der Enkeltochter auf, auch dieses Geld war schnell wieder verbraucht. Die Lieferanten wollten inzwischen nur noch Bargeld sehen und seine Verkäuferinnen bemühten sich deshalb jeden Abend, die Kasse vor Karl in Sicherheit zu bringen, um am nächsten Morgen die Ware bezahlen zu können und dem Dorf die Einkaufsquelle zu erhalten, solange es irgendwie ging.

Im letzten Akt bediente sich Karl bei der Post, leitete das Geld, das für Nachnahmesendungen kassiert wurde, nicht weiter, sondern finanzierte damit seine Lotto-Systemscheine. Diese Unterschlagung flog sehr schnell auf, Karl wurde suspendiert, kam vor Gericht, wurde wegen Betrugs verurteilt und verlor dadurch nicht nur sein Geschäft, sondern auch noch die sichere Beamtenstellung, das Dorf das einzige Lebensmittelgeschäft und die Poststelle. Im Gebäude ist jetzt der Kindergarten untergebracht.

Karl hatte zwar alles verloren, nicht aber seine Haltung und seinen angeborenen Anzug. Den trug er nun tagsüber, wenn er für ein paar barmherzige Flaschen Bier einem Mondscheinbauern bei dessen Landwirtschaft helfen durfte, und nachts wieder in der Stern-Bar, jetzt allerdings nicht mehr als Stammgast vor der Theke, sondern als Schankkellner dahinter.

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Gartenzwerg

Da lachen ja die Hünner.

So stand es im Lokalteil der Tageszeitung, Wort für Wort unredigiert abgedruckt, mit allen Rechtschreibfehlern, nicht hinten als Leserbrief unter den Vereinsnachrichten versteckt, nein, gleich links auf der ersten Seite in der Kommentarspalte “Unter der Briefmarke”. Am schlimmsten war, daß jeder im Dorf wußte, wer diesen Brief geschrieben hatte, diesen kompletten Unsinn einer riesigen Verschwörung des Kettensägeherstellers, der Behörden, der Polizei, seines vermeintlichen Vaters und nicht zuletzt der Siegermächte allein gegen ihn, und wir uns deswegen tagelang vor lauter Scham nicht aus dem Haus trauten.

Leider war er unser Onkel, Gartenzwerg, wie ihn alle nannten, ein kleiner, hagerer Mann mit noch kleineren, verschlagen blickenden Augen, der zweite Mann unserer Tante Alma. Auch Erwin, ihren ersten Mann überragte sie um einen ganzen Kopf, aber der machte dabei wenigstens einen wohlgenährten und gemütlichen Eindruck. Onkel Erwin mochten wir, er verdiente sein Geld als Handlanger auf dem Bau, war nicht gerade mit Geistesgaben gesegnet, aber gutmütig. Da er selbst keine Kinder hatte, spielte er gern den Weihnachtsmann für die Cousinen, meinen Bruder und mich und fiel höchstens durch seine hilflosen Versuche auf, aus ungemahlenen Bohnen Kaffee zu kochen.

Aber er starb lange vor der Rente, das Siedlungshaus, das er vorwiegend mit eigenen Händen gebaut hatte, war gerade fertig. Tante Alma wartete das Trauerjahr ab, gab dann eine Heiratsanzeige auf und erwählte unter den zwei Dutzend Bewerbern ausgerechnet Gartenzwerg. Er war der einzige, der ihr mit Schreibmaschine geschrieben hatte, und das imponierte ihr gewaltig.

Da lachen ja die Hünner.

Es war die Geschichte mit der Kettensäge. Niemand wußte, wozu er eine Kettensäge brauchte, aber er bestellte sich eine im Versandhandel und als sie geliefert wurde, packte er sie sofort aus, überprüfte sie, indem er sie in ihre Einzelteile auseinandernahm – - – und bekam sie nicht mehr zusammengesetzt. Für Gartenzwerg ein willkommener Anlaß für eine wütende Reklamation, einige geharnischte Briefe, eine Klage, die er natürlich verlor, wie alle anderen Klagen auch, und für den peinlichen Brief in der Tageszeitung.

Das wäre ein Grund gewesen, jeden Kontakt mit ihm zu vermeiden. Aber wir hatten keinen Fernseher – unser Vater lehnte die Anschaffung ab, “weil ich dann nur noch vor der Glotze hänge” – Gartenzwerg und Tante Alma hatten einen und sie waren die einzigen, die meinem Bruder und mir erlaubten, bei ihnen “Simon Templar” und “Mit Schirm, Charme und Melone” zu sehen. So führte uns der Weg an einem Abend in der Woche zu den geliebten Krimiserien und zu Gartenzwergs Prahlereien und Verschwörungsgeschwurbel.

Farbfolie für ein paar Pfennige von Leseberg.

Ein Aufschneider vor dem Herrn war er, darin übertraf er sogar noch Käpt’n Blaubär. Als 1967 das Farbfernsehen aufkam, tönte er, es sei nicht nötig, “zwoeinhalbtausend, wer hat das schon” für die neue Technologie hinzublättern, er kriege das mit “Ganzzimmerantenne” und etwas “Farbfolie für ein paar Pfennige von Leseberg” “ganz allein und viel billiger” mit dem alten Schwarzweißgerät hin. Daraufhin wurde das Wohnzimmer ausgeräumt, Wände und Decke mit Aluminiumfolie tapeziert, mit einigen Drähten an die Antennenbuchse angeschlossen – die “Ganzzimmerantenne” – und Buntpapier in den Grundfarben vor den Bildschirm gehängt. Fertig war der Farbfernseher Marke Gartenzwerg. Selbstverständlich funktionierte das nicht, aber Gartenzwerg war nicht davon abzubringen, auf dem richtigen Weg zu sein, “mit ein paar kleinen Verbesserungen” liefe das irgendwann, wir seien nur zu blöd, das zu erkennen. Nach drei Tagen gab er endlich auf, Tante Alma hatte eine Woche zu tun, Stube und Fernseher in den alten Zustand zurückzuversetzen, und mein Bruder und ich hatten zweimal John Steed und Emma Peel verpaßt.

Ich weiß genau, wo der letzte Zeppelin liegt.

Folgenreicher als solche dummen Streiche war seine fixe Idee, er sei der uneheliche Sohn eines Großbauern, auf dessen Hof seine Mutter gearbeitet hatte, und habe infolgedessen ein Anrecht auf ein beträchtliches Erbe, zu dem vor allem der Acker gehören sollte, unter dem der letzte Zeppelin verborgen sei. Den gelte es zu bergen, in großer Zahl nachzubauen, den zweiten Weltkrieg wiederaufzunehmen und mit dieser unschlagbaren Waffe zu gewinnen.
Oft haben wir auf dem Nachhauseweg über diese Spinnerei gefeixt, aber Gartenzwerg meinte es ernst, fand einen Rechtsanwalt, der die Goldgrube erkannte, die sich ihm da auftat, und führte mehrere Prozesse um sein angebliches Erbe, die er samt und sonders verlor. Eines Tages waren dann alle Ersparnisse von Tante Alma verbraucht und das Häuschen mußte versteigert und gegen eine Bruchbude eingetauscht werden. Gartenzwerg war auch dadurch nicht zu stoppen. Er prozessierte weiter und als auch die Bruchbude unter den Hammer kam, suchte er sich eine neue Frau, die ihm seine Spinnereien abnahm und ihn in der Hoffnung auf das Millionenerbe noch eine Weile finanzierte. Tante Alma aber starb wenig später völlig verarmt und einsam in einem kalten und feuchten Zimmer, das nur mit einem Bett, einem Stuhl und einem kleinen Schrank möbliert war.

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Onkel Willi

Meine sehr verehrten Damen und Herrn. Es ist 22 Uhr. Sollten sich hier kleine Mädchen beziehungsweise lüttsche Jungs unter 16 aufhalten, bitte ich sofort das Lokal zu verlassen. Ich erinnere Jugendschutzgesetz.

Bei dieser ersten Durchsage des Abends bekam er die Worte noch einwandfrei aneinandergereiht. Später stieg mit dem Alkoholpegel auch der Unterhaltungswert. Onkel Willi, Wirt eines Dorfgasthauses am Steinhuder Meer, das sich Anfang der 70er zu einem der beliebtesten Szenetreffpunkte der Region entwickelt hatte. In Hannover, Bremen und Bielefeld wartete die Drogen konsumierende und Krautrock hörende Jugend vor den einschlägigen Diskotheken und bettelte um Mitfahrgelegenheit nach Münchehagen.

In den 30ern hatte sich Onkel Willi wenig um Volk, Führer und Vaterland geschert, sondern ist lieber mit seiner Harley Davidson über die masurischen Alleen gebraust. Nach dem Krieg verschlug es ihn ans Steinhuder Meer, wo er dann Weihnachten 1963 im Münchehagener Hof mit seiner Tante Martha die Musikkneipe Kanbach eröffnet. Anfangs spielten dort jeden Samstagabend Beatgruppen auf, was den üblen Ruf des Lokals begründete.

Die Dorfjugend ging im schönsten Sonntagsanzug zu solchen Veranstaltungen und schlug sich als Höhepunkt auf dem damals noch unbefestigten Parkplatz die Nasen blutig, gab die verdreckte Kleidung am Montag in die Reinigung, um am nächsten Wochenende das Spiel von vorne zu beginnen. Wenn die Musik nicht gefiel, wurde zur Abwechslung die Band aus dem Saal geprügelt, wenn die Musik gefiel, durften die Jungs mit der Gunst von Onkel Willis jüngster Tochter rechnen. Ein Klassenkamerad, der später in einer schlagenden Verbindung landete, berichtete, er sei glücklich durch den Vorraum gelangt, aber bei Betreten des Saals jemandem in die Quere gekommen und nach zwei Sekunden durch beide Türen in hohem Bogen auf die Straße geflogen. Das genügte, um mich lange von diesem üblen Ort fernzuhalten.

Meine Damen, Herren. Geschäft ist Geschäft. Und ich spreche jetzt gegen mein Geschäft. Wir haben Fanta, Cola, Brause. Alkohol am Steuer. Führerschein. Ein Führerschein ist schnell erworben, aber noch schneller verloren.

Die zweite Ansage des Abends, immer kurz vor Mitternacht, war schon weniger verständlich. Man war größtenteils anders berauscht und belachte die Warnung. Onkel Willi hatte es zwischenzeitlich aufgegeben, Bands spielen zu lassen, und stattdessen zwei Discjockeys verpflichtet, die in der hannoverschen Krautrockszene (Eloy, Jane, Dull Knife) verankert waren, und hatte dem Laden ein einzigartiges Konzept verpaßt: kein Eintritt, kein Verzehrzwang, der Ansturm allein bewältigt von Onkel Willi (huldvoll schwankend dirigierend), Tante Martha (Frikadellen und Pommes), zwei Töchtern nebst Schwiegersöhnen und dem kleinen schwulen Kellner, der den ganzen Abend nicht zur Ruhe kam.

Unten tranken die meisten Besucher nur Cola, trotzdem floß das Bier in Strömen: war ein Faß angestochen, wurden die Gläser darunter weggeschoben, bis es leer war. Der Bierumsatz von einem einzigen Samstag hätte mir gereicht. Oben war es etwas ruhiger und es gab vor allem Urbock aus Flaschen.

Und es war immer rammelvoll. Vor dem Eingang die Leute, die dir etwas verkaufen wollten. “Bester Afghane!” “Acid!” “Koks!” “Ädsch!” “Nur Jesus macht wirklich high, Alter!”

Nichts in der spießigen Einrichtung unterschied das Kanbach von anderen Dorfgasthöfen mit Saal und ließ auf eine Szenediskothek schließen. Vorne rechts neben der Tanzfläche die kleine Fixerecke. In eine hatte ich mich verguckt, die wirkte aber unnahbar. Nur, wenn Stolle nach Mitternacht den Bolero auflegte, betrat sie die Tanzfläche und alle machten ehrfürchtig Platz, selbst ich, der sonst immer mehrere Quadratmeter für sich beanspruchte.

Im Gang dahinter die Kiffer, links daneben und auf den Tischen an der Stirn der Tanzfläche die Leute, mit denen ich mich herumtrieb. Links neben der Tanzfläche die Theke, im Gang dahinter Kicker und Billard, an diesen Plätzen hielt sich bevorzugt die einheimische Dorfjugend auf.

Und Onkel Willi bewegte sich in diesem bunten Haufen wie ein Fisch im Wasser, majestätisch schlurfend und schwankend, stets in Filzpantoffeln. Es gab auch Gerüchte, in seiner Nähe solle es verdächtig süßlich gerochen haben, aber ich selbst habe das nie wahrgenommen und halte es auch für wenig wahrscheinlich.

Bella, bella, bella Marie,
häng’ Dich auf,
ich schneid’ Dich ab in der Früh’.

Nicht immer, nur wenn er besonders gut drauf war, stellte sich Onkel Willi auf die Tanzfläche und gab diese Version der Capri-Fischer zum Besten.

Noch seltener war ein vierter Auftritt, zu dem er oft genug mitten in einem Stück die Musik unterbrechen ließ und herrisch vom Discjockey das Mikrofon orderte. Dann stellte er sich wieder mitten auf die Tanzfläche, und forderte die beiden “schönsten Mädchen” auf, sich für einen “einmaligen Auftritt” zu ihm zu gesellen. Hatten die sich gefunden, stellte er sie links und rechts neben sich auf und begann wie auf dem Fischmarkt.

Meine Damen und Herren. Beim ersten Mal sehen Sie nichts. Beim zweiten Mal sehen Sie gar nichts. Und beim dritten Mal sehen Sie, was Sie beim ersten und beim zweiten Mal nicht gesehen haben, nämlich überhaupt nichts! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Einmal, am Neujahrsmorgen 1972 um 3 Uhr in der Frühe gab es noch einen fünften Auftritt. Da torkelte Onkel Willi auf der Straße herum und sprach die Jugendschutzansage von 22 Uhr in ein leeres Colaglas.

Vielleicht war dieser Moment schon der Höhepunkt der Epoche. Das Publikum begann, sich langsam und fast unmerklich zu ändern. Aus den Großstädten fanden immer weniger den Weg, dafür rückten auch Leute nach, die nicht so friedlich gestimmt waren und denen nach körperlicher Auseinandersetzung war. Trotzdem blieb es noch meine zweite Heimat, hier verbrachte ich weiter möglichst vier Abende in der Woche, bis ich dann vier Jahre nach meinem Abitur doch noch anfing zu studieren und mich nach Göttingen aufmachte. Danach bin ich vielleicht noch ein halbes Dutzend Mal im Kanbach gewesen, aber Onkel Willi hatte man inzwischen zu Grabe getragen und ich habe ihn nie wieder erleben dürfen.

R.I.P.

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Rüdiger

Anfang November nachts um halb zwei mit Badekappe, Taucherbrille und einskommazwei Promille in verkehrter Richtung in die Einbahnstraße. Ich saß daneben und hatte noch gewarnt: “Rüdiger, das ist eine Einbahnstraße!” “Bleib cool, ich fahre hier immer durch. Das ist eine Abkürzung.” Am Ende standen sie schon, lässig an ihren Wagen gelehnt und winkten uns an die Seite. Rüdiger mußte mit auf die Wache zur Blutprobe und ich stand wieder einmal mutterseelenallein auf der Straße, hatte niemanden, der mich zurück in mein Kellerzimmer nach Schulenburg brachte, und auch kein Geld für ein Taxi. Da blieb mir nichts anderes als der Fußweg zurück zu den Leuten, bei denen wir Rüdigers Geburtstag gefeiert hatten, um dort auf dem harten Fußboden zu schlafen.

Die Unannehmlichkeiten der Nacht waren schnell vergessen, aber Rüdiger wurde seinen Führerschein für neun Monate los. Zu allem Unglück war auch ich damals für eine noch längere Zeit ohne. Freitag, Samstag und Sonntag fuhren wir normalerweise ins Kanbach nach Münchehagen. Das mußten wir jetzt einschränken. Was viel schlimmer war, wir konnten einen vielversprechenden Anbandelungsversuch nicht fortführen.

Klaus, Rüdiger und ich suchten damals gemeinsam eine Wohnung in Hannover. Gefunden haben wir keine. Die einzige, die wir hätten kriegen können, war mit der Toilette in der Küche und die wollten wir nicht.

Die trennen Sie mit einem Vorhang ab, da sind Sie praktisch allein und unsichtbar beim Scheißen, meine Herren, Möbel holen Sie sich aus dem Keller, was Ihnen gefällt, und Damenbesuch, Damenbesuch, so viel und so oft Sie wollen.

Um überhaupt eine Chance zu haben, mußte man der erste Anrufer auf eine Wohnungsanzeige sein. Deshalb versammelte sich jeden Freitag gegen 23 Uhr immer ein größerer Haufen Wohnungssuchender vor dem Anzeigerhochhaus in der Goseriede und wartete, bis der ältere Herr mit Moped und einem Anhänger voll mit den ersten Exemplaren der Samstagausgabe durch den Torbogen geknattert kam, stellte sich ihm in den Weg und kaufte ihm ein paar Zeitungen ab. Er durfte zwar keine an uns verkaufen, es blieb ihm aber nichts anderes übrig, wenn er seine Tour fortsetzen wollte.

Klaus besetzte immer rechtzeitig eine Telefonzelle an der Ecke Otto-Brenner-Straße, Rüdiger, unser Schnellster, riß den Teil mit den Wohnungsanzeigen an sich und rannte los, ich trottete mit dem Rest der Zeitung hinterher. Die Vermieter fühlten sich durch diese nächtlichen Anrufe meist nur belästigt, vor allem, wenn sie hörten, daß drei junge Männer eine WG aufmachen wollten. Für uns ein Grund, über diese unfreundlichen Menschen zu lästern und bei mir noch einen Absacker zu nehmen.

Bei dieser Gelegenheit stießen wir auf eine Bekanntschaftsanzeige, die uns elektrisierte. Zwei junge Frauen suchten zwei “verrückte Typen”, mit ihnen an den Wochenenden etwas zu unternehmen und sie an die Orte zu kutschieren, an denen etwas los war. Zu zweit waren wir – Klaus war vergeben und aus dem Rennen – und verrückt genug fühlten wir uns auch, ohne Frage. Aber wie ihnen das klar machen und die Konkurrenz ausstechen? Wir entschlossen uns, keinen Brief zu schreiben, sondern einen Comic zu zeichnen. Rüdiger als angehender Grafiker zeichnete, ich zog mir meine Schriftstellerjacke (Feincord, beige-braun) an und lieferte den Text. Unser Comic gefiel, Briefe hin und her, ein erstes Treffen war schon abgemacht. Doch Badekappe, Taucherbrille und Einbahnstraße stellten sich dazwischen. Ohne Fahrzeug und Führerschein kein Treffen. Klaus bot noch an, für einen von uns einzuspringen und zu fahren, aber da weder Rüdiger noch ich freiwillig verzichten wollten und seine Dora ihm die Augen auszukratzen drohte, wurde das Abenteuer abgebrochen.

Rüdiger studierte mit meinem Bruder zusammen Kommunikationsdesign und gehörte wie wir und Klaus zu den Stammgästen im Kanbach in Münchehagen. Am Wochenende waren wir dort zu finden und tranken Urbock (Rüdiger, mein Bruder, ich) oder auf der Tanzfläche Portwein aus Flaschen (Klaus, Dora, die Frau mit dem Glasauge, ich). In der Woche war ich meist aus proletarischen Gründen verhindert, tagsüber Arbeit bei Telefunken im Lager oder beim Gärtner in Altwarmbüchen, abends politische Termine. An diesen Tagen zog Rüdiger mit meinem Bruder durch ihre Szene: Turm, Gemütliche Ecke, Leinedomicil, Mülltonne, Maulwurf.

Im Maulwurf war ich auch einmal mit Rüdiger. Das war in der Zeit, als ich die Weltrevolution in die Ecke gefeuert hatte und wieder Ton, Steine, Scherben hören durfte. Und es ist übel ausgegangen. Wir trafen dort einen alten Kumpel von Rüdiger, der zu Hause noch “schönen Stoff” habe, den könnten wir zusammen rauchen, er wohne auch “gleich um die Ecke”. Ich hatte schon drei Jahre nichts mehr geraucht, zögerte, zauderte. “Los, laß uns mitgehen”, Rüdiger stimmte mich um, rauchte aber am Ende selber nichts mit, was mich wohl gerettet hat. Denn als ich gerade so schön drauf und zufrieden mit der Welt war, richtete dieser Mensch plötzlich seine Schreibtischlampe voll in mein Gesicht. Redete mich mit “Sie” an. Ich solle gestehen. Ich wußte nicht, was, und er wiederholte immer nur stur, ich solle gestehen, er zunehmend drohender im Tonfall, ich immer unsicherer. Er griff in seine Schreibtischschublade, holte einen Revolver hervor, zielte auf meinen Kopf und wiederholte seine Forderung. Wäre ich nicht bekifft gewesen, hätte ich mir gewiß vor Angst in die Hosen geschissen, aber so schaute ich nur verdutzt aus der Wäsche und begriff gar nichts mehr. Im Gegensatz zu Rüdiger, der beruhigend auf seinen Kumpel einredete und den Moment, in dem der die Waffe ein wenig senkte, ausnutzte, mich am Arm faßte und hinter sich her aus der Wohnung zerrte. So hat Rüdiger mich erst in diese Gefahr gebracht und dann daraus errettet. Bis heute weiß ich nicht, ob die Waffe echt und geladen war, und bis heute habe ich nie wieder Gras oder Shit angefaßt.

Geblieben ist nicht viel von dieser Zeit. Den Comic gab es nur in einem Exemplar und das ist wahrscheinlich von den beiden Damen entsorgt worden. Ein paar Fotos, die Rüdiger geschossen hat. Das “Schauspielerfoto”, das meine Frau aus Enttäuschung zerrissen hat, einige Bilder, in denen ich malerisch auf einem Schrottplatz herumkrieche, die Fotoserie für Rüdigers Abschlußarbeit bei Riebesehl, für die ich so ballettmäßig elegant wie möglich einen Meter über einem huckligen Acker schweben sollte – und er im richtigen Moment auf den Auslöser drücken – ein nerviger Nachmittag. Das kleine Filmprojekt, in dem Rüdiger als Weihnachtsmann verkleidet und mit einer Axt bewaffnet in einer Tannenschonung wie besinnungslos Bäume abhacken sollte, wurde dann doch nicht verwirklicht, weil den Hauptdarsteller in letzter Minute der Mut verließ.

Was machen wir, wenn der Förster kommt?

Als er mit der Fachhochschule fertig war, hat Rüdiger auch der Mut verlassen und er wollte partout nicht ins hektische Agenturleben einsteigen. Er hat Psychologie studiert und, weil es so schön war, noch eine Ausbildung in Psychoanalyse und Psychotherapie angehängt. Heute hat er mit einem anderen Freund von mir, einem Paartherapeuten, eine Gemeinschaftspraxis und Sie können sich bei ihm auf die Couch legen.

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Der kleine Herrgott

Dann kam ein neuer Ingenieur, das war’n begeisterter Fußballer, der stand jeden Fußballspiel auf’n Schloßplatz. Und wenn er dann sah, daß ich eine Verletzung hatte, dann hat er denn gesagt: “Morgen bleiben Sie zu Hause, ich spreche mit Ihrem Meister.” Und seitdem war ich der kleine Hergott.

Meine Heimat – das Kiesgruben- und Quarzsandsoziotop an der Mittelweser – hat schon einige überragende Fußballspieler hervorgebracht: Willi Kronhardt, der aber in Wirklichkeit in Kasachstan geboren wurde, Jens Todt, Nationaltorhüter Uli Stein, der 1986 von der WM in Mexiko nach Hause geschickt wurde, weil er Franz Beckenbauer als “Suppenkasper” bezeichnet hatte, und nicht zuletzt der Rehburger Günter Hermann, der 1990 Weltmeister wurde, ohne eine Sekunde gespielt zu haben. Aber um keinen von diesen Spielern mit internationaler Karriere haben sich solche Legenden gebildet wie um Willi E., einen gefürchteten Außenstürmer, nicht größer als Thomas Häßler, dafür stämmiger als Gerd Müller, ausgestattet mit einer mörderischen Schußkraft, von der noch fünf Jahrzehnte später geraunt wurde. Ein gegnerischer Torwart soll einen Schuß, der genau auf den Mann ging, nicht überlebt haben.

Er wurde 1912 geboren, hatte schon in der Schulzeit und während seiner Lehre als Dreher nichts als Fußball im Kopf und war stets kampfbereit, wenn es darum ging, seinen Sport gegen Angriffe von irgendwelchen Autoritäten zu verteidigen. Seine fußballerischen Leistungen und die Position seines Vaters im Betriebsrat bewahrten ihn aber stets vor Schlimmerem.

Da sah ich schon die Hand. Umdrehen. Kinnhaken. Kinnhaken. Der Meister ging zu Boden und die Gesellen kriegten sich auch in die Haare. Fußball. Da die anderen. Es wurde dann wieder geschlichtet.

Als Sohn sozialdemokratischer Eltern, war es für Willi selbstverständlich, nicht in einem Verein des “bürgerlichen” DFB zu spielen, sondern nur innerhalb des Arbeiter-Turn- und Sportbundes, in dessen Fußballsparte 1932 137.000 Mitglieder in 4.000 Vereinen gezählt wurden. Hier brachte in sein Talent schnell über regionale Auswahlmannschaften bis hin zu zwei Einsätzen in der ATSB-Auswahl – die Begriffe Nationalmannschaft oder Reichsauswahl waren in Arbeitersportkreisen verpönt. Er wurden in beiden Qualifikationsspielen zur Arbeiterfußball-Europameisterschaft 1932/34 gegen Polen eingesetzt.

Wir standen wieder mal kurz vor der Meisterschaft und es waren schon immer Gerüchte laut. Der P. und der E. wollten abhauen. Hannover 96 saß dahinter. Alle waren sie sehr empört. Die Straßen wurden besetzt. Um diese Einkäufer unschädlich zu machen. Dann war der P. nochmal hier und sagte zu mir: “Willi, ich bleibe hier.” Ich sagte: “Das wollt’ ich auch meinen.” Und in der Nacht haben sie dann den P. abgeholt. Nicht. In Nacht und Nebel. Husch. War er verschwunden. Und war der Verräter.

Der kleine Herrgott war zwar seit 1931 arbeitslos, weil die Glasfabrik Heye den Betrieb eingestellt und 1.000 Arbeiter auf die Straße gesetzt hatte, seine Zukunft schien aber mit einer Anstellung in der Bundesschule des ATSB in Leipzig gesichert zu sein. Doch daraus wurde nichts. Das 4:1 gegen Polen am 26. Dezember 1932 sollte Höhe- und Schlußpunkt seiner Karriere bleiben. Am 30. Januar 1933 wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt, am 27.Februar die “Verordnung zum Schutz von Volk und Staat” erlassen, die Vereine und Verbände des Arbeitersports wurden verboten, die Funktionäre in Konzentrationslagern inhaftiert und einige auch ermordet.

“Kommen Sie mal her, E. Ich weiß, Sie sind dran zur Beförderung, aber das können wir nicht machen.” “Warum nicht?” Immer in schöner strammer Haltung. War ganz zackig dieser. “Dann müssen Sie erst zur NSDAP-Schule.” “Ach”, sag ich, “jetzt wirds gemütlich. Dann will man mich umformen. Nein, das kann ich nicht machen.”

Und ich trau meinen Augen nicht. Wie ich auf dies Arbeitsdienstgelände komme, da ist mein Mordsturmführer Solo-Schröder Lagerführer da. Stellt sich vor uns hin: “Aaach! Da kommen ja die roten Schweine. Aber ich werde euch schon klein kriegen.”

Die Anfänge der nationalsozialistischen Herrschaft überstand Willi E. erst im Freiwilligen, dann im Reichsarbeitsdienst und wechselte auch fleißig die Einsatzorte, immer abhängig davon, in welcher Auswahl man ihn gerade brauchte und seinen geliebten Fußball spielen ließ. Dann bekam er Arbeit als Dreher bei der Bremer Straßenbahn, trainierte zeitweise bei Werder, spielte  aber in der Mannschaft der Straßenbahn, wurde mit einem Arbeitsplatz zurück nach Nienburg und zum Sportclub geködert. Weil er nie genug Fußball spielen konnte, lief er nebenbei immer wieder für Mannschaften auf, für die er keine Spielberechtigung hatte, und kassierte dafür eine zweijährige Sperre. Ehe die Sperre abgelaufen war, wurde er in die Wehrmacht einberufen und mußte in den Krieg ziehen.

Ging das wieder los mit Fußball. Die Kollegen kamen: “Kannst gleich wieder mitmachen. Sonnabend spielen wir Fußball. In Lemke gegen die Engländer.” “Mach ich mit. Mach ich mit.” “Wir besorgen dir alles. Kriegst Fußballschuhe. Alles.” Das wurde dann auch besorgt. Und wir haben da rungewirkt. Die haben ihre Wucht gekriegt. Das kann ich Ihnen sagen. Aber immer so am Schienenbein runter, wirklich. Das ist nicht meine Art. Aber die Brutalität, die war entsetzlich. Und die nahmen – das war ja’n englischer Schiedsrichter – die nahmen das nicht so tragisch.

Nach seiner glücklichen Rückkehr aus dem Krieg konnte Willi leider nicht mehr an seine Erfolge aus den glanzvollen Zeiten vor 1933 anknüpfen. Eine langwierige Sportverletzung bedeutete dann das endgültige Ende seiner Fußballerlaufbahn. Ihm wurde eine Stelle als Schulhausmeister angeboten und der kleine Herrgott, der dank seiner Fußballkünste so ziemlich alles bekam, was er sich wünschte, verwandelte sich in einen Tyrannen, der angriffslustig keinem Zweikampf aus dem Wege ging und vor dem sich Schüler, Lehrer und Vorgesetzte gleichermaßen fürchteten.

Ich habe vier Schulleiter überl…, überdauert. Der eine wollte mich mal rausschmeißen. “Nee, das können Sie gar nicht.” So, wie diese Schulleiter heute sind. Sie meinen, sie hätten unheimliche Gewalt. Dabei sind sie noch häßlicher wie ‘ne Putzfrau. Denn mitunter, muß ich sagen, der Lehrer hat ja, die haben ja ‘n Brett vorm Kopf. Die kennen nur ihre Welt. Ihre Bücher. Aber ‘n Nagel in die Wand hauen. Das können sie nicht. Ja. Ja. Und dann habe ich ihm ja klar gemacht, daß ich bei ihm gar nicht beschäftigt bin.

Doch. Doch. Fußball prägt ungemein.

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Nationalstolz

Das Thema Nationalstolz hat Arthur Schopenhauer in seinen Parerga und Paralipomena I, Aphorismen zur Lebensweisheit schon vor über 160 Jahren endgültig erledigt:

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verräth in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz seyn könnte, indem er sonst nicht zu Dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen theilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz seyn könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu seyn: hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Thorheiten, die ihr eigen sind, mit Fuß und Ferse zu vertheidigen.

Daher wird man z. B. unter funfzig Engländern kaum mehr, als Einen finden, welcher miteinstimmt, wenn man von der stupiden und degradirenden Bigotterie seiner Nation mit gebührender Verachtung spricht: der Eine aber pflegt ein Mann von Kopf zu seyn. – Die Deutschen sind frei von Nationalstolz und legen hiedurch einen Beweis der ihnen nachgerühmten Ehrlichkeit ab; vom Gegentheil aber Die unter ihnen, welche einen solchen vorgeben und lächerlicherweise affektiren; wie Dies zumeist die ‘deutschen Brüder’ und Demokraten thun, die dem Volke schmeicheln, um es zu verführen. Es heißt zwar, die Deutschen hätten das Pulver erfunden: ich kann jedoch dieser Meinung nicht beitreten. Und Lichtenberg frägt: “Warum giebt sich nicht leicht jemand, der es nicht ist, für einen Deutschen aus, sondern gemeiniglich, wenn er sich für etwas ausgeben will, für einen Franzosen oder Engländer?” Uebrigens überwiegt die Individualität bei Weitem die Nationalität, und in einem gegebenen Menschen verdient jene tausend Mal mehr Berücksichtigung, als diese. Dem Nationalcharakter wird, da er von der Menge redet, nie viel Gutes ehrlicherweise nachzurühmen seyn. Vielmehr erscheint nur die menschliche Beschränktheit, Verkehrtheit und Schlechtigkeit in jedem Lande in einer andern Form und diese nennt man den Nationalcharakter. Von einem derselben degoutirt loben wir den andern, bis es uns mit ihm eben so ergangen ist. – Jede Nation spottet über die andere, und alle haben Recht.

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Twitter unser

Twitter unser, das du bist im Netz
Gefavt werde dein Name
Deine Timeline komme
Dein Retweet geschehe
wie auf iPhone so auch auf Android
Unser täglich Mention gib uns heute
Und vergib uns unsern Block
Wie wir vergeben unseren Entfolgern
Und führe uns nicht in Versuchung
Sondern erlöse uns von dem Facebook
Denn dein ist die Timeline und der Favstar und der Pick in 24/7
HACH

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Wer hat’s erfunden?

Im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung verstand man unter einem Symposion noch keine wissenschaftliche Konferenz, sondern ein von Männer- oder auch Frauencliquen veranstaltetes Trink- und Eßgelage, bei dem auch Poesie vorgetragen wurde. Man oder frau war hier unter sich und zog im Rhythmus des iambos gegenseitig vom Leder. Der iambos leitet sich ab von iambizein, was soviel wie “verspotten, verhöhnen, beschimpfen, lustig machen” bedeutet – also etwa das, was man heutzutage unter “Dissen” versteht. Und das heute geläufige Metrum Jambus ist nichts anderes als der Rap der alten Griechen. Als Erfinder der Jamben gilt der Dichter Archilochos (* um 680 v. Chr. in Paros; † um 645 v. Chr.), der von seinen Verehrern mit dem Spitznamen Skorpionszunge bedacht und von seinen Feinden als angeblicher Ehebrecher, Schweinehund und Vergewaltiger aus seiner Heimat verjagt wurde.

Für einen tumor dieser größe
kenne ich keine bessere kur
als zwischen den schenkeln
im nassen haar einer musch

Es war nicht solche pornographische Lyrik, die ihm zum Verhängnis wurde, es war ein gebrochenes Eheversprechen, das ihn wild um sich schlagen ließ. Ihm war durch einen Verlobungsritus die Hochzeit mit Neobule, einer Tochter des Lykambes, versprochen worden. Als dieser Pakt gebrochen wurde – man weiß nicht, von wem – fühlte sich Archilochos in seiner Ehre beleidigt und reagierte mit wilden Schmähliedern gegen den Vater, gegen Neobule und gegen deren Schwestern. Zusätzlich soll er sich noch an Neobule gerächt haben, indem er eine ihrer Schwestern verführte und damit überall herumprahlte.

Lykambes’ tochter die jüngere – sie saugt
ihr bier  wie die Thraker und die Phryger
mit dem strohhalm -

die vorhaut zogen sie
zurück und ihr schlitz war offen weit
und naß -

mit vollen backen
war sie auf den knien und der andere gab
es ihr von hinten -

der schwanz
schwoll ihm wie einem esel   aus Prieme
wenn er im futter steht -

und schaum
stand ihr vor dem mund -

hinunter
sahen sie an sich und spritzten ihr all
ihren saft aufs gesicht und in das haar

Das war zuviel und da die Familie des Lykambes auf Paros nicht ohne Einfluß war, mußte Archilochos nach Tharos auswandern. Die Töchter des Lykambes sollen sich alle aufgehängt haben, weil ihre Versuche, sich von der Schande reinzuwaschen, vergeblich geblieben waren. Archilochos verdingte sich als Offizier einer Söldnertruppe und wurde im Kampf getötet.

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Die Kunst des Arschabwischens

Schließlich erkläre und behaupte ich nun hiermit, daß es keinen bessern Arschwisch gibt als ein recht flaumiges junges Gänschen, wenn man es nämlich so faßt, daß ihm der Kopf zwischen die Beine zu liegen kommt. Ihr könnt mir das auf Ehre und Gewissen glauben. Die Weichheit des Flaums wie die natürliche Wärme des Tiers tun dem Arschloch ganz besonders wohl, welches Gefühl sich dann sofort dem Mastdarm und den übrigen Eingeweiden mitteilt und von da zu Herz und Hirn weiterdringt.
- François Rabelais, Gargantua und Pantagruel -

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